Sprechen lernen

Gestern hatte ich ein Erlebnis, das mich zum Nachdenken gebracht hat.

Ich war mit meiner knapp elf Monate alten Tochter in einem Laden. Sie saß im Buggy und plauderte vor sich hin, und ich suchte etwas in einem Regal, als ich plötzlich merkte, dass eine ältere Dame vor meiner Tochter stand und sie ganz fasziniert und mit einem sehr liebevollen Gesichtsausdruck beobachtete. Meine Tochter sah zu ihr hoch, lächelte sie an (mein Vorzeigekind!) und plauderte weiter.

Die Frau sagte zu ihr: „Es ist so schön, dass du mir etwas erzählst, ich kann dich nur leider nicht verstehen.“

Da sagte ich zu meiner Kleinen: „Tja, Sichtfeldchen, dann musst Du eben ganz schnell sprechen lernen.“

Daraufhin erwiderte die Frau: „Oder ich.“

Mir hat diese kurze Unterhaltung sehr gut gefallen, und ich musste noch viel darüber nachdenken. Klar erwarten wir von Kindern, dass sie unsere Sprache übernehmen und erlernen, und das tun sie ja im Allgemeinen auch. Aber der Gedanke, sich auch als Erwachsener auf die Kinder einzustellen, auf ihre Sprache, ihre Gedanken und Empfindungen, hat mir sehr gefallen.

Natürlich kenne ich als Mutter meine Tochter sehr gut, und es gelingt mir meistens, ihre Äußerungen richtig zu deuten. Aber wie ist es mit anderen Kindern? Und anderen Erwachsenen? Ich kenne leider genügend Fälle, in denen die Eltern die Aussagen ihrer Kinder vor lauter Konsequenz zu sehr ignorieren und zu viel Anpassung erwarten. Über die Wichtigkeit von Konsequenz in der Erziehung möchte ich hier gar nicht diskutieren, sie steht außer Frage. Doch kann es doch nicht Sinn und Zweck der Erwachsenen-Kind-Beziehung sein, nur auf Anpassung abzuzielen! Und ist es nicht eine Bereicherung, sich auch auf die (eigenen oder fremden) Kinder einzulassen und ihnen anzubieten, sich auch mal an sie anzupassen?

Ich zumindest erfahre diese Bereicherung jeden Tag aufs Neue.

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3 Responses to Sprechen lernen

  1. Schaps sagt:

    Seit Kuck mal wer da spricht wissen wir alle ja, dass Kinder untereinander kommunizieren…also ist alles halb so schlimm! 😉

    Aber im Ernst, ich weiß schon was du meinst…man sollte schon Verständnis mitbringen. Ansonsten hätte man sich das mit dem Kind vielleicht vorher überlegen sollen…

  2. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Schaps,
    Da hast Du Recht. Leider sehen das irgendwie aber viele Menschen nicht.
    Ich beziehe das aber auch nicht nur auf eigene Kinder, sondern auf alle Kinder, oder noch etwas philosphischer auf alle Menschen, die einander nicht genügend verstehen, auch wenn sie die gleiche Muttersprache sprechen…

  3. andrea2007 sagt:

    Liebe Mareike, eine schöne Geschichte und wenn ich mich nicht täusche, hast gerade Du auch letztens mal irgendwo geschrieben, dass wir von den Kindern soviel lernen können… Das ist ein schöner Gedanken, den Du da weiterspinnst, sollten wir uns alle zu Herzen nehmen. Liebe Grüsse Andrea

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