Welt-AIDS-Tag, Hendrik und ich.

Ich habe Dich kennen gelernt, als wir im Jahr 1997 gemeinsam mithalfen bei der Ausrichtung eines Gottesdienstes zum Welt-Aids-Tag. Ich weiß es noch wie heute: Du standest da vor der Kirche mit einigen anderen, es war dämmrig, und ich kam auf Euch zu. Du drehtest Dich zu mir um, strahltest mich an und sagtest, „Du bist Barbaras Tochter!“ Du kanntest meine Mutter, deren Platz ich in der Vorbereitung einnahm, weil sie spontan verreist war. Ich war total verblüfft über diese einfache und herzliche Begegnung, und das Eis war gebrochen, bevor es überhaupt entstanden war.

Wir wurden Freunde, Du und ich. Haben uns oft getroffen, mal auf einen Kaffee in der Stadt, mal bei einem von uns zu Hause. Haben über Gott und die Welt geredet. Haben zusammen gelacht und geweint, gesprochen und geschwiegen. Ich habe Dir mal eine Schwarzwälder-Kirsch-Torte zum Geburtstag mitgebracht, weißt Du noch? Und Du hast mal auf meinem Anrufbeantworter eine Nachricht auf Platt hinterlassen, über die wir uns beide kringelig gelacht haben. Ja, Dein Lachen und diese Nachricht habe ich noch immer im Ohr, obwohl es zehn Jahre her ist. Die Möwe Jonathan war Dein Lieblingsbuch, und Du liebtest den kleinen Prinzen. Auf dem letzten Foto, das ich von Dir habe, sieht man Dich von hinten, denn Du gehst gerade zur Türe hinaus. Das war das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben.

Du warst HIV positiv. Du hattest Dich infiziert, weil Du bei einem Unfall erste Hilfe geleistet hast und selbst eine kleine Wunde am Finger hattest. Diese Ungerechtigkeit habe ich nie verstanden. Noch heute macht sie mich wütend. Doch über Jahre hinweg hast Du tapfer und gelassen mit Deiner Krankheit gelebt, hast soviel Freude ausgestrahlt und andere damit angesteckt. Du hast Dein Schicksal getragen und dennoch anderen Menschen Trost und Wärme gespendet, Kraft gegeben.

Als ich auszog, weit fort von zu Hause, verloren wir den Kontakt. Es war Januar 1999, und auf meiner Abschiedsfeier entstand das Foto. Hätte ich gewusst, dass es in Wirklichkeit Dein, unser Abschied war…

Im Sommer kam ich nach Hause, hatte gehört, dass Du umgezogen warst, und forschte nach Deiner neuen Bleibe. Und dann erfuhr ich das Furchtbare. Zwei Monate zuvor hattest Du Deinem Leben ein Ende gesetzt. Hast Dich vor einen Zug fallen lassen. Es gab Dich nicht mehr.

Ich war wie gelähmt. Stundenlang lief ich über den Friedhof, bis ich Dein Grab gefunden hatte. Ich hatte Blumen dabei und den kleinen Prinzen. Lange bin ich bei Dir geblieben, habe mit Dir gesprochen und endlich meine Tränen gefunden…

Es folgte eine schlimme Zeit für mich, denn ich war gefangen in meiner Trauer, Hilflosigkeit und Schuldgefühlen, wollte niemandem glauben, der sagte, es war nicht Deine Schuld, Mareike. Doch dann, einige Wochen später, träumte ich von Dir. Du standest vor meiner Haustür, und als ich Dich sah, wurde ich wütend. Laut schluchzend warf ich Dir vor, dass Du einfach so gegangen warst und mich allein gelassen hattest mit all meinen Schuldgefühlen. Du hörtest mich ruhig an und nahmst mich dann in den Arm. Du hast mir über den Kopf gestrichen und mir gesagt, dass alles gut so ist, wie es ist. Dass es so Dein Wunsch gewesen war. Und da endlich, in diesem Traum, konnte ich Dich verstehen und Dich loslassen. Ich weinte noch beim Aufwachen, weil ich Dich einfach schrecklich vermisste, aber gleichzeitig war ich auch ein bisschen getröstet. Ich musste wieder nach Vorne sehen und leben, das hattest Du mir gesagt.

Seitdem bin ich oft an Deinem Grab gewesen. Der kleine Prinz hat noch lange dort gelegen. Und immer wieder bricht auch jetzt noch die Traurigkeit durch, auch wenn Dein Tod mehr als neun Jahre her ist. Ich brauche nur „Tears In Heaven“ von Eric Clapton zu hören, und sofort schnürt sich mir die Kehle zu und die Tränen laufen mir über die Wangen. Doch ich konnte Dich loslassen, konnte Dich gehen lassen. Denn ich weiß, dass Du dennoch immer irgendwie da bist, in meinem Herzen, in meiner Seele, in meinem Leben.

Dir, lieber Hendrik, widme ich dieses Video, denn ich weiß, wie viel Dir dieses Lied bedeutete und dadurch bedeutet es auch mir sehr viel. Ich wünsch Dir von Herzen alles Gute, da, wo Du jetzt bist.

Hendrik.

1972-1999.

Du fehlst mir.

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14 Responses to Welt-AIDS-Tag, Hendrik und ich.

  1. Elisabeth sagt:

    Liebe Mareike,
    deine Worte berühren mich zutiefst, beim Lesen rannen auch mir die Tränen runter… Ich habe vor 20 Jahren meinen Lieblingsbruder verloren und hatte eine ähnliche Szene immer vor Augen, wie du sie geträumt hast – vorwurfsvoll hab ich zu ihm gesagt, wie er mich hier zurücklassen konnte… Und ich habe 12 Jahre gebraucht, bis ich mich einigermaßen erfangen hatte… Heute weiß ich, dass alles gut so ist, wie es ist, dass alles seinen Sinn hat und dass er bestimmt nicht möchte, dass ICH traurig bin, weil er nicht mehr da ist – denn er IST doch immer da, immer an meiner Seite. Wie oft hab ich das schon gespürt… Bei diesem Lied bleibt kein Auge trocken…
    Und doch, denk daran, liebste Mareike, wie schön es ist, dass du Hendrik kennenlernen durftest und dass ihr miteinander so eine schöne Zeit erleben konntet! Das kann dir niemand wegnehmen, das ist wunderbar und einzigartig. Ich bin auch unendlich dankbar darüber, meinen Bruder gekannt zu haben…
    Hendrik bleibt in deinen Erinnerungen lebendig!
    Fühl dich ganz fest umarmt von deiner Elisabeth

  2. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Elisabeth,
    danke für Deine innigen Worte und dafür, dass Du auch Deine Geschichte mit mir teilst. Ja, es dauert lange, das zu verwinden, und ich bin immer wieder überrascht, wie sehr es mich noch immer bewegt, an Hendrik zu denken und mich mit seinem Schicksal auseinanderzusetzen. Aber es ist gut, loslassen zu können und es anzunehmen, so wie es ist. Das ist ein wichtiger Schritt in der Trauerbewältigung. Und ich bin tatsächlich froh und dankbar, dass ich ihm begegnen durfte, denn er war ein ganz besonderer Mensch.
    Wie gut, dass auch Du so über Deinen Bruder denken und empfinden kannst!
    Ich umarme Dich ebenfalls ganz fest und von Herzen, Du Liebe!
    Mareike

  3. Schaps sagt:

    Oh, dazu kann ich echt nicht viel sagen…
    Das ist eine so ergreifende Geschichte. Und dazu so ungerecht. Echt nichts für mich.
    Dir alles Gute!

  4. Linda sagt:

    Liebe Mareike,
    ich mußte mich zwingen nicht zu weinen. Es gibt immer wieder solchen schweren Schicksalschläge, die einem immer wieder ins Gedächnis kommen. Aber ich glaube daran ,daß die Verstorbenen uns sehen und hören können. Dein Freund wird sich darüber freuen, daß du immer an ihn denkst. Es ist gut, daß du im Traum von ihm ABschied nehmen konntest. Damit fällt dir eine schwere Last vom Herzen. Wo immer er auch ist, wird er auf dich schauen und stolz sein so einen lieben Menschen zu kennen

  5. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Schaps,
    ich weiß, da fehlen einem die Worte, und es ist nicht so angenehm, sich damit auseinanderzusetzen. Ich verstehe Dich gut. Trotzdem Danke für Deinen Kommentar und auch Dir alles Liebe und Gute!
    Mareike

    Liebe Linda,
    danke für Deine lieben Worte. Ja, ich glaube auch daran, dass die Verstorbenen igendwie bei uns bleiben und sich auf irgendeine Art und Weise daran erfreuen, wenn sie uns in so guter und liebevoller Erinnerung bleiben. Das ist doch ein schöner und tröstender Gedanke, nicht wahr?
    Ja, der Traum damals hat mir sehr geholfen, mit der ganzen Sache umgehen zu können. Danke für Deinen Kommentar, liebe Linda, Du kennst mich ja schon sooo lange… Schön, dass es Dich gibt!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  6. Nila sagt:

    Liebe Mareike,
    auch mir sind beim Lesen die Tränen runtergekullert. Deine Geschichte berührt einen mitten ins Herz und lässt einen Kloß im Hals wachsen.
    Diese Ungerechtigkeit und auch die Machtlosigkeit gegen die schlimme Krankheit.
    Auch wenn die Zeit nicht lange war, die ihr miteinander verbracht habt, so war sie euch sicher vorbestimmt und hat sowohl dich als auch Hendrik mit einer wunderbaren Freundschaft ausgefüllt.
    Ich glaube ja, dass es Hendrik war, der dir in deinem Traum geholfen hat, die Trauer zu bewältigen.
    Alles Liebe und fühle dich umarmt.
    Liebe Grüße
    Nila

  7. Papa sagt:

    Ja, das Leben an sich ist leider immer wieder unglaublich ungerecht (du weißt ja, dass da wir auch nicht verschont wurden). In diesen Momenten hoffe ich auch zu tiefst, dass dahinter wirklich ein Sinn steckt und es so richtig war. Auch wenn uns der Sinn verschlossen bleibt, so hoffe ich, dass wir einfach nur nicht die Möglichkeit haben, das Gesamtbild zu sehen und zu verstehen für das diese Wendungen aber wichtig und richtig waren.

  8. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Nila,
    sei herzlich willkommen auf meiner Seite und hab Dank für Deine lieben und tröstenden Worte! Ja, irgendwie glaube ich auch, dass dieser Traum damals kein Zufall war, sondern das auf irgendeine Art und Weise tatsächlich Hendrik zu mir gesprochen hat. Es hat mir damals wirklich sehr geholfen. Und wenn ich mich jetzt an ihn erinnere, dann überwiegt die Freude, ihm begegnet zu sein und die schöne Erinnerung an all das Besondere, was wir gemeinsam erlebt haben. Leider kannten wir uns viel zu kurz. Aber wir kannten uns!
    Alles Liebe auch für Dich, ich schau gleich mal bei Dir vorbei!
    Mareike

    Lieber „Papa“,
    ich glaube, mit dieser Hoffnung hält man sich in solchen schrecklichen Momenten über Wasser. Wie gut, dass der Mensch diese Gabe hat! Du hast ganz Recht, wenn man nach dem Warum fragt, dann gibt es irgendwie keine zufriedenstellende Antwort. Aber ich glaube irgendwie trotzdem, dass irgendein Sinn dahinter steckt. Und im Verlauf der Trauer wird man lernen, nicht nur den Verlust zu sehen, sondern das Geschenk der gemeinsam verbrachten Zeit – und dankbar dafür sein können, trotz all des Schmerzes.
    Ich wünsche Euch und besonders den Eltern des kleinen Jungen von Herzen viel Mut und Kraft für alles, was vor Euch/ihnen liegt…
    Ganz liebe Grüße,
    Mareike

  9. Frau Momo sagt:

    Ich habe auch Menschen an diese tödliche Krankheit verloren und mich hat Deine Geschichte sehr berührt.
    Danke, daß Du sie mit uns teilst!

  10. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Frau Momo,
    es hat mich gefreut, dass auch Du das Thema Welt-Aids-Tag aufgegriffen hast. Es fällt wirklich viel zu leicht unter den Tisch in all dem Weihnachtsrummel. Und doch ist es ja ein Thema, mit dem viele von uns sich leider besonders auseinandersetzen müssen…
    Es hat mir jedenfalls gut getan, hier über Hendrik zu schreiben und seine bzw. unsere Geschichte noch einmal Revue passieren zu lassen…
    Liebe Grüße,
    Mareike

  11. bonafilia sagt:

    Liebe Mareike
    ich habe meine Tränen laufen lassen einfach so um 6 Uhr morgens , deine Worte gehen nahe und ich bewundere deine Kraft diese Geschichte so emotional erzählen zu können.
    Diese Krankheit ist ein Fluch, noch immer nicht heilbar, nur zu lindern…ein doofer gemeiner Fluch!
    Danke für diese Geschichte!
    LG Bonafilia

  12. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Bonafilia,
    danke für Deinen lieben Kommentar! Ja, ein Fluch ist diese Krankheit, da hast Du absolut recht. Und irgendwei schlagen solche Schicksale meistens so unerbittlich zu…
    Wie wichtig ist es doch, davor zu warnen und gerade den jungen Menschen Verantwortungsbewusstsein zu vermitteln!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  13. theomix sagt:

    Liebe Mareike, Danke für den Verweis hierher. Das berührt mich sehr. Ich sehe es auch als eine Mahnung, lang Vermissten nachzuspüren und ihnen ein Dankeschön zu sagen…
    Herzlich grüßt
    Jörg

  14. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Jörg,
    es hat mir damals (also vor zwei Monaten) sehr gut getan, diesen Text zu schreiben, mich an Hedrik zu erinnern und mich wieder einmal damit auseinanderzusetzen. Es freut mich, dass mein Text auch so viele Leser berührt hat!
    Schön, dass Du ihn gelesen hast – bei Dir ahne ich ihn sozusagen in den richtigen Händen!
    Liebe Grüße,
    Mareike

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