Großwerden tut manchmal weh

Mein liebes süßes Sichtfeldchen,

jeden Tag bereitest Du mir und Deinem Papa so viel Freude! Wir staunen immer wieder, wie schnell aus dem kleinen, hilflosen Mäuschen, das Du bei Deiner Geburt warst, so ein selbständiges, fröhliches, neugieriges und lebensfrohes Mädchen geworden ist, und wir sind unheimlich stolz auf Dich und lieben Dich über alles. Du erkundest Deine Umwelt voller Interesse, und wenn Du etwas Neues gelernt hast, dann wendest Du es sicher und mit Freude an. Dich beim Großwerden zu beobachten und begleiten zu dürfen, ist das größte Glück, das mir in meinem Leben widerfahren ist.

Doch manchmal tut Großwerden auch weh. Heute morgen zum Beispiel hast Du fröhlich mit der Wasserflasche gespielt und bist dann voller Schwung durch die Wohnung gesaust. Und plötzlich lag die Flasche im Weg, und Du bist darauf getreten, ausgerutscht und hingefallen. Das gab natürlich Tränen, und auf meinem Arm machtest Du Deinen Gefühlen Luft. Ich konnte richtig merken, dass es nicht nur der Schmerz war, der Dich weinen ließ. Nein, es war viel mehr der Schreck, so unsanft aus Deinem Vergnügen gerissen worden zu sein, und besonders die Enttäuschung darüber, das etwas, was Du schon so sicher beherrschst wie das Laufen, plötzlich doch nicht geklappt hat. Es waren die Wut und Frustration, dass Dir etwas missglückt ist, die Dich besonders aufgewühlt haben. Wir haben dann gemeinsam Deinen Schmerz weggepustet und ein Liedchen gesungen, und bald hattest Du Dich wieder beruhigt. Sicher hast Du es inzwischen bereits vergessen, denn Du machst nebenan friedlich Deinen Mittagsschlaf.

Doch das wird leider nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Dir so etwas passiert. Erlebnisse wie diese werden sich durch Dein ganzes Leben ziehen, und immer wieder wird es vorkommen, dass ein kleiner Unfall versucht, Dein Selbstbewusstsein anzugreifen. Lass Dich davon nicht entmutigen, mein Kind. Es gehört zum Großwerden und zu Großsein eben dazu, und daran wächst man. Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du Deinen Optimismus und Deine Lebensfreude behältst, und dass Du Dich von kleinen Misserfolgen nicht irritieren lässt, sondern sie mit einem Lächeln annimmst. Und ich wünsche Dir ganz besonders, dass Du immer, wenn es nötig ist, jemanden in Deiner Nähe hast, der Dich auffängt und in die Arme nimmt, der Dir ein Liedchen singt und den Schmerz wegpustet. So lange Du es möchtest, werde ich dieser Mensch für Dich sein. Ich bin immer für Dich da, meine liebe kleine Tochter, immer. Das verspreche ich Dir!

Deine Mama

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14 Responses to Großwerden tut manchmal weh

  1. theomix sagt:

    Liebe Mareike,
    über solche Sachen stolpern kann man ja in jedem Alter. Aber solange die Knochen biegsam sind, folgen keine Katastrophen, ein paar Tränen, Beulen oder blaue Flecken. Aber das gehört dazu.
    Herzliche Grüße,
    Jörg

  2. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Jörg,
    genau das meine ich ja, es gehört eben dazu, und man muss das Beste daraus machen. Daraus lernt man, und daran wächst man. Aber den Frust verstehen kann ich nur allzu gut!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  3. Papa sagt:

    Ja, das ist meistens wirklich der Schreck und Frust und viel weniger der körperliche Schmerz, der da die Tränen kullern lässt. Und diese Tränen tun dann Mama und Papa im Herzen viel mehr weh, als dem Kindlein. Aber nur mit solchen Enttäuschungen können wir die Erfolge auch richtig genießen, denn sonst wären die Erfolge normal und langweilig.

    Aber schön, dass Sichtfeldchen so schön wächst und gedeiht 🙂

  4. Sicht-Feld sagt:

    Lieber „Papa“,
    das stimmt, als Eltern leidet man meistens noch viel mehr als das Kind selber. Aber andererseits, an solche Erlebnisse kann ich mich aus meiner Kindheit gar nicht mehr erinnern, obwohl es sie garantiert gab. Das ist doch gut, dass sich so etwas nicht für immer ins Gedächtnis einbrennt! 🙂
    Liebe Grüße,
    Mareike

  5. andrea2007 sagt:

    Lieben Mareike, wenn Dein Sichtfeldchen lesen kann, dann … wird es sich jeden Tag über all die lieben und von Herzen kommenden Worte ihrer Mama freuen! Sehr berührend, sehr sehr schön! Herzliche Grüsse Andrea

  6. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Andrea,
    danke Dir für die lieben Worte! Ja, solche Texte von mir an Sichtfeldchen kommen aus tiefstem Herzen, und ich werde sie auf jeden Fall irgendwo sammeln und ihr später einmal schenken – vielleicht, wenn sie selber Kinder hat…
    Ich habe schon während der Schwangerschaft ein Brief-Tagebuch für sie geschrieben, auch das möchte ich binden lassen und ihr eines Tages schenken.
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag noch!
    Mareike

    PS: Ich habe gestern den Film gesehen und war absolut begeistert. Aber ich kann Dir nur empfehlen: Lies unbedingt das Buch, bevor Du den Film siehst. Er wirkt dann viel intensiver.

  7. Elisabeth sagt:

    Liebe Mareike,
    mir ist es genauso ergangen, wie unserer Andrea… Deine Zeilen an deine geliebte Tochter haben mich sehr berührt… So viel Liebe, so ein Einfühlungsvermögen… Ich spüre richtig, wieviel von dir für deine Kleine da ist, und ich bin mir sicher, dass Sichtfeldchen deine Liebe auch spürt und weiß, dass sie bei dir geborgen und gut aufgehoben ist…
    Alles Liebe für euch zwei von Elisabeth 🙂

  8. Sicht-Feld sagt:

    Du liebe Elisabeth,
    hab Dank für Deine warmherzigen Zeilen! Ich wünsche mir sehr, dass Sichtfeldchen weiß und spürt, dass wir sie über alles lieben und immer für sie da sind. Das ist doch die wichtigste Grundlage für eine stabile Eltern-Kind-Beziehung. Und es ist mir wichtig, ihr selbst in Konfliktsituationen zu vermitteln, dass wir nicht generell etwas gegen sie haben, sondern eben wirklich nur gegen ihr Verhalten in dieser speziellen Situation. Das fand ich schon als Lehrerin wichtig: Nie das Kind an sich zu kritisieren, sondern den konkreten Fall – und es dann aber auch erklären und darüber reden. So sollte man es eigentlich immer in Konfliktsituationen halten, auch wenn das manchmal gar nicht so leicht ist…
    Ein bisschen vom Thema abgekommen, aber egal. 🙂
    Ganz liebe Grüße und einen guten Start in die Woche wünscht Dir mit einer dicken Umarmung
    Mareike

  9. bonafilia sagt:

    Liebe Mareike,
    wir Eltern haben eine große Aufgabe übernommen. Wir begleiten unsere Kinder ins Leben, damit sie groß und stark werden für das Leben. Nicht immer fällt es leicht und oft reiben sich die lieben Kleinen auch an uns die es nur gut meinen.
    Doch alles hat einen Sinn, deine Liebe und Fürsorge wird Sicht-Feldchen begleiten und wenn ihr beide es richtig macht wird das dein Leben lang anhalten und dir Glück schenken….Kinder sind etwas sehr schönes, ich öchte meine Drei nicht missen!
    Lg auch ans Töchterlein
    Bonafilia

  10. Schaps sagt:

    Über den Text wird sie sich später bestimmt freuen! 🙂
    Aber man sollte solche kleinen Unfälle nicht negativ sehen…aus ihnen lernt man ja. Und gerade solche kleinen Sachen zeigen einem die Grenzen der Möglichkeiten…
    Nichtsdestotrotz tut es einem natürlich in der Seele weh, wenn das kleine Töchterchen so erbärmlich weint 🙂

  11. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Bonafilia,
    es ist wirklich ein riesiges Geschenk und eine tolle, wenn auch immer mal wieder anstrengende Aufgabe, Kinder zu haben – ich kann mir ein Leben ohne schon gar nicht mehr vorstellen. Will ich auch gar nicht! 🙂
    Liebe Grüße,
    Mareike

  12. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Schaps,
    wie gesagt, Großwerden tut eben manchmal weh. Das gehört dazu und dadurch wird man eben größer und reifer und eigenständiger. Auch wenn es im Moment erstmal richtig weh tut… Da muss man eben durch. Ich sehe das auch positiv, auch wenn Sichtfeldchen mir immer so leid tut – ich versuche einfach, ihr dann das zu geben, was sie braucht. Trost, Ablenkung, Nähe oder Ruhe.
    Liebe Grüße,
    Mareike

  13. Marlies sagt:

    Sehr schön geschrieben! Ich hab von meiner Mutter zum 18. Geburtstag so ein Brief-Tagebuch bekommen und hab mich wirklich sehr darüber gefreut.

  14. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Marlies,
    willkommen bei mir und vielen lieben Dank für Deinen Kommentar! Ich finde es toll, mal sozusagen die „andere Seite“ zu hören, also jemanden, der solche Texte von seiner Mutter bekommen hat, und es bestärkt mich darin, weiterhin auch immer wieder mal an meine Tochter zu schreiben. Ich kann mir gut vorstellen, dass das ein sehr rührendes und schönes Geburtstagsgeschenk war! 🙂
    Liebe Grüße,
    Mareike

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