Liebeserklärung

Ich vermisse Dich. Und ich freue mich wie verrückt auf Dich. Viel zu lange schon habe ich Dich einfach liegen gelassen, gebettet auf dem dunkelblauen Samt, mit dem Dein Kasten ausgekleidet ist und der so wunderbar zu Deinem rotbraunen Holz passt. Sehnsuchtsvoll öffne ich den Koffer, hebe das Tuch an, und da liegst Du vor mir, in all Deiner Schönheit und nach den Jahren der Abstinenz noch immer fast perfekt gestimmt. Meine Finger streichen über Deinen kühlen, glatten Körper, berühren andächtig Deine Saiten. Ich nehme Dich heraus und atme Deinen Duft ein. Das Gefühl, Dich in der Hand zu halten und an die Schulterbeuge zu legen, Dein Gewicht, die leisen Geräusche, die Du bei jeder Berührung von Dir gibst – all das löst so viele wunderschöne Erinnerungen in mir aus. Was haben wir alles miteinander erlebt. Du hast mich wachsen sehen, immer besser haben wir gemeinsam gespielt. Die unvergesslichen Unterrichtsstunden bei Frau T., immerhin elf Jahre lang – Bach, Haydn, Paganini, Rubinstein, Bartok… Und die wundervolle Zeit im Orchester – Grieg, Mussorgsky, Elgar, Beethoven, Gluck, und wiederum Bach… Und wo haben wir schon überall gemeinsam geklungen, sogar ganz bis nach Italien! Deine, unsere Musik war das Erste, das mein Mann von mir kennen lernte, damals auf der Hochzeit, weißt Du noch? Damals, als wir uns noch so gut kannten, als wir uns täglich, oft stundenlang sahen…

Wie konnte es nur so weit kommen? Wie konnte ich Dich nur so lange ruhen lassen? Immer wieder wurde ich von Sehnsucht gepackt, Dich wieder zur Hand zu nehmen, besonders nach dem Besuch eines Konzerts – und immer wieder habe ich mich nicht getraut, Dich erklingen zu lassen, aus Angst vor den Nachbarn – wie konnte ich nur? Ich vermisse Dich so sehr, und ich sehne mich danach, eines Tages wieder mit Dir gemeinsam so zu erklingen, wie wir es vor Jahren einmal vermochten…

Es wird alles gut. Wir werden bald in einem Haus leben, in dem ich Dich wieder spielen kann, und wir werden gemeinsam wieder Unterricht nehmen und mit dieser Hilfe wieder zueinander finden. Und wer weiß? Vielleicht wird mein Traum ja doch eines Tages wahr – gemeinsam mit Dir…?

Für Dich, meine geliebte Violine, ist dieses Stück, das Cantabile von Paganini – eines der letzten Stücke, die wir im Unterricht zusammen gespielt haben…

… und hier ist mein Traum: Ich möchte einmal in meinem Leben mit Dir zusammen das Brandenburgische Konzert Nr.3 von Bach spielen, aus dem hier der dritte Satz erklingt:

Trotz allem immer

Deine Mareike

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15 Responses to Liebeserklärung

  1. theomix sagt:

    Liebe Mareike,
    wie im richtigen menschlichen Leben: Manchmal lernt man erst durch den Abstand, was man voneinander hat…
    Derweil genieße ich gerade den Bach.
    Herzliche Grüße, Jörg

  2. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Jörg,
    das hast Du sicher irgendwie Recht – vielleicht war es an der Zeit für eine Pause. Diese ist nur irgendwie furchtbar lang geworden. Jetzt wird es höchste Zeit für eine Wiederzusammenführung!
    Schön, dass auch Du Bach genießen kannst. Ich liebe gerade die Brandenburgischen Konzerte sehr, sie haben so einen „Drive“, da kann ich fast nicht stillsitzen. Deshalb ist es auch mein größter musikalischer Wunsch, mal eines selber mitzuspielen, am liebsten das Dritte.
    Melodische Grüße,
    Mareike

  3. Elisabeth sagt:

    Liebe Mareike,
    diese Sehnsucht kenne ich – und soeben hat sie mich nach all meinen Blockflöten gepackt, von der Piccolo, über Sopran- und Alt- bis zur Tenor-Blockflöte… Dieser Duft, dieser Klang, all die Erinnerungen… so schön… Es kribbelt in meinen Fingern, und ich bin mir sicher, du wirst auch bald wieder deine Finger von deiner liebsten Violine nicht mehr lassen können! 😉
    Ganz liebe Bachgrüße von Elisabeth

  4. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Elisabeth,
    oh wie schön, auch Du machst Musik… Eigentlich wundert mich das auch gar nicht, es passt irgendwie zu Dir! 🙂
    Wow, Du hast sogar eine Tenor-Blockflöte? Ich weiß noch, dass ich damals von diesen großen Flöten immer total beeindruckt war, wenn meine Flötenlehrerin sie im Unterricht spielte…
    Ich habe heute ein paar Töne auf meiner Geige gewagt und war überrascht, dass die Töne trotz der langen Abstinenz noch recht sicher klangen. Vielleicht ist das ein bisschen so wie Radfahren, das verlernt man ja auch nicht, man muss nur eben wieder ein Gefühl dafür bekommen. Ich habe mir jedenfalls fest vorgenommen, nach dem Umzug wieder Unterricht zu nehmen! 🙂
    Fröhlich vor mich hinpfeifende Grüße von
    Mareike

  5. Schonzeit sagt:

    Es war die Liebe zur zweiten Geige
    die ihn in Requien und Oratorien trug … summ träller

  6. Schussel sagt:

    Ach, wie gut ich diese Liebeserklärung verstehen kann. Bei mir ist sie an eine Klarinette gerichtet. Die liegt hier im Kasten und ist hoffentlich wieder ganz für mich da, wenn ich mal wieder Zeit habe.
    Viel Spass beim Wiederentdecken, egal wann!

  7. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Malte,
    schöne Assoziation! Danke, dass Du mich mit dem Lied bekannt gemacht hast! 🙂
    *knuddel*
    Mareike

  8. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Schussel,
    dann wünsche ich Dir und Deiner Klarinette eine baldige Wiedervereinigung! Ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass es im Moment bei Euch wichtigeres gibt: Herzliche Glückwünsche noch zur Geburt von Eurem süßen kleinen Knirps! Das weckt Erinnerungen an die Zeit vor 1 1/2 Jahren und macht Lust auf mehr, trotz aller Nebenwirkungen! 🙂
    Liebe Grüße,
    Mareike

  9. Schaps sagt:

    Musizieren ist auch eine der schönsten Sachen der Welt! Ich hab selbst auch 9 Jahre Klavier gespielt und spiele jetzt seit 4 Monaten Gitarre. Ich hoffe du kannst auch bald wieder selbst spielen! 🙂

  10. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Schaps,
    oh wie schön! Ich habe es leider versäumt, Klavier zu lernen, obwohl ich eines habe. Ich habe mir nur ein wenig selber das Spielen beigebracht, aber ich würde es gerne richtig können!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  11. Schaps sagt:

    Richtig können konnt ichs nie…also so richtig gut und alles auswendig usw, Aber doch recht ordentlich

  12. Sicht-Feld sagt:

    Siehst Du, und das ist mehr, als ich könnte. Okay, über den Flohwalzer bin selbst ich hinaus, und trotzdem ärgere ich mich, dass ich es nicht richtig gelernt habe. Meine Eltern hätten das sicher unterstützt, und mein Talent hätte auch für dieses Instrument noch gereicht (ich spiele ja bereits mehrere…).

  13. Elisabeth sagt:

    Liebe Mareike,
    wie wunderbar!!! Ich hab zur Zeit so viel um die Ohren, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, müsste auch ein wenig reparieren lassen, weil die Mundstücke brüchig geworden sind…
    Aber du hast recht, ich gaube, das verlernt man nicht, und mit ein wenig Übung bist du bald wieder da, wo du aufgehört hast, wirst sehen! 🙂
    Alles Liebe von Elisabeth

  14. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Elisabeth,
    das hoffe ich sehr, denn ich möchte in Sachen Musik meiner Tochter und eventuellen weiteren Kindern gerne ein Vorbild sein. Mein Mann macht leider gar keine Musik, aber ich bin in einem Haus voller Musik aufgewachsen und sie hat mein Leben stets bereichert. Vor allem eben dadurch, dass ich selber Musik machen durfte und kann. Das ist eine Erfahrung, die ich meinen Kindern auch wünsche, und wenn sie von früh an ihre Mutter beim Musizieren erleben, dann ist es für sie hoffentlich ein ganz selbstverständliches Bedürfnis, selber auch Musik machen zu wollen.
    Na, dann bring mal Deine Flöten zum Doktor (es sind ja doch irgendwie „Wesen“ mit einer Seele, nicht wahr?!), und ich wünsche Dir, dass auch Du bald wieder die Muße findest, ein wenig Musik zu machen – es tut einfach sooo gut!
    Allerliebste Grüße von
    Mareike

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