West und Ost – damals und heute und immer wieder aktuell…

Den folgenden Text habe ich am 5. Oktober 2008 geschrieben, nachdem ich den Film „Das Leben der Anderen“ zum ersten Mal gesehen hatte. Gestern abend habe ich ihn zum dritten Mal gesehen, gemeinsam mit Herrn Sichtfeld, der ihn noch nicht kannte – und die Wirkung war wiederum genau die selbe wie beim ersten Ansehen. Deshalb hole ich diesen damals leider kaum gelesenen Artikel noch einmal hervor. Es ist keine Filmrezension, sondern vielmehr ein sehr persönlicher Blick auf diese umfangreiche Thematik.

Vorgestern abend lief im Fernsehen der Oscar-prämierte deutsche Film „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck mit Ulrich Mühe, Martina Gedeck und Sebastian Koch. Allgemeine Infos zum Film gibt es hier bei Wikipedia.

Ich muss dazu sagen, dass ich den Film zum ersten Mal gesehen habe. Damals im Kino habe ich ihn leider verpasst, und so habe ich mich sehr gefreut und war gespannt darauf, ihn anzuschauen. Und er übertraf alle meine Erwartungen.

Ich habe selten einen so eindringlichen, beklemmenden, bewegenden und noch dazu grandios recherchierten und hervorragend gespielten Film gesehen. Nachdem er zu Ende war, gingen mir die Bilder und Eindrücke nicht mehr aus dem Kopf, ich nahm sie mit durch die Nacht und denke auch heute immer wieder darüber nach. Dieser Voyeurismus der Stasi, dieses eiskalte Ausnutzen der Macht über andere Menschen, diese Fassungslosigkeit der Opfer, wenn sie erkennen, was ihnen jahrelang und oft ohne ihr Wissen widerfahren ist, und die Angststarre der Mitwissenden, die mit einem einzigen Satz zum Schweigen gebracht werden können. Und dann gleichzeitig der Mut einzelner, trotz aller Gefahren etwas zu tun und das Schweigen zu brechen… Mut oder eher Leichtsinn? Das ist sicherlich oft ein schmaler Grat. Wie muss es gewesen sein, unter diesen Bedingungen zu leben, groß zu werden, eine Familie zu haben, zu arbeiten? Wie hat es sich angefühlt? Wonach hat man sich gesehnt, worauf hat man gehofft? Durfte man überhaupt sehnen und hoffen?

Worüber ich seit vorgestern immer wieder nachdenken muss ist, dass ich all das sozusagen miterlebt habe. Ich war zu der Zeit, als der Film spielt, schon auf der Welt, auch wenn ich erst sechs Jahre alt war. Zur Wende war ich elf, zwölf Jahre alt. Ich habe all das miterlebt, und ich weiß gar nichts mehr darüber! Denn es hat mich damals einfach nicht interessiert. Klar erinnere ich mich noch daran, wie meine Eltern regelmäßig Pakete zu unseren Verwandten in der DDR schickten und dass darin Kaffee und Feinstrumpfhosen waren. Ich erinnere mich auch noch an einzelne Besuche bei eben diesen Verwandten, die zwar alle superlieb waren und sind, die mir aber trotzdem nicht dieses Gefühl der Beklemmung und des Heimwehs nehmen konnten. Die Anspannung an den Grenzübergängen, die kleinen Büros, in denen man sich als Westdeutscher immer wieder melden musste, und mir kam alles irgendwie so farblos vor… Aber das sind eben nur einzelne Eindrücke eines Kindes – der große politisch-soziale Hintergrund fehlte mir lange Zeit vollkommen. Ich wusste, da gibt/gab es eine Mauer, und diese Mauer hat den Menschen viel Leid gebracht. Aber es hat mich einfach nicht weiter interessiert. Das ist mir im Nachhinein richtig unangenehm, auch wenn es vermutlich für eine Elfjährige nicht weiter verwunderlich ist.

Erst nach und nach habe ich immer mehr über die deutsch-deutsche Trennung und Wiedervereinigung erfahren und gelernt. Meine Eltern und Verwandten haben mir viel über einzelne Schicksale im Familienkreis zu DDR-Zeiten erzählt, ich habe Ausstellungen besucht, Bücher gelesen und Filme gesehen. Der Geschichtsunterricht in der Schule hat es leider versäumt, uns diese Thematik näher zu bringen. Aber die Bilder von Menschen, die nach der Öffnung eines Grenzüberganges halb euphorisch, halb panisch durch irgendwelche Wiesen und Büsche laufen, um den ersehnten Westen zu erreichen, die Freudentränen, die Umarmungen, die Begrüßungsszenen und das Wiedersehen liebender Menschen, die einander jahrelang nicht sehen durften, all diese Bilder rühren mich immer wieder zu Tränen.

Und ich frage mich, wie es jetzt, 18 Jahre später, aussieht. Wie gehen wir miteinander um? Wie sehen wir die „Anderen“? Wie blicken wir zurück in den alten und neuen Bundesländern? Sind wir wirklich wieder vereint?

Mein Mann und ich haben eine Zeit lang beruflich in einer Kleinstadt im nördlichen Sachsen-Anhalt gelebt, und dort hatten wir überwiegend den Eindruck, nicht akzeptiert zu werden. Diese Erfahrung hat mich persönlich sehr unvorbereitet getroffen, denn ich hatte erwartet, solchen Menschen wie meinen Verwandten zu begegnen: herzlichen, freundlichen, unvoreingenommenen und offenen Menschen. Ja, auch solche durften wir dort kennen lernen, aber wie gesagt, von den meisten fühlten wir uns abgelehnt, sobald wir den Mund aufmachten und Hochdeutsch herauskam.

Doch ganz im Gegensatz dazu stehen die Familienfeste, die wir alle zwei Jahre feiern dürfen. Mehr Integration, mehr Ökumene, mehr Wiedervereinigung geht nicht. Rund 80 Menschen, Jung und Alt, West und Ost, Mann und Frau, katholisch und evangelisch oder nichts von beidem – es sind immer vier unglaublich schöne, harmonische und vereinigende Tage. Und wir alle, alle freuen uns und sind glücklich, wieder vereint zu sein. Denn wir sind eine Familie, wir waren es immer, trotz der Mauer, und wir werden es immer sein. DAS ist die Wiedervereinigung. Ein Grund zum Feiern. Auch heute noch!

Advertisements

7 Responses to West und Ost – damals und heute und immer wieder aktuell…

  1. Schaps sagt:

    Ein sehr guter Text. Ich kenne den Film noch nicht…werde ihn aber sicher nocht sehen!
    Zur Wiederverinigung gibt es natürlich viel zu sagen, es wird auch angeführt dass natürlich nicht alles perfekt gelaufen ist und dass es manchmal besser hätte sein können. Aber durch die vielen DDR Nostalgieshows und „War doch nicht alles schleht“ Sprüche wird das Bild der DDR verzerrt. Er war ein Unterdrückungsstaat mit einer Parteiendiktatur. Das darf nicht einfach in nostalgisch schönen Blumenbildern verschwimmen. Der Tag der Einheit hat mehr verdient als ein freier Tag zu sein, an dem Politiker in einem bestimmten Bundesland Reden halten. Er muss viel deutlicher zelebriert werden, was damals von Menschen erreicht wurde und zur Einigkeit dieses Landes führte wird auch in der Schule viel zu wenig gelehrt. Der DDR Terror muss genauso behandelt werden wie auch der Zweite Weltkrieg oder die Französische Revolution. Sonst erreicht man es niemals diese sogenannte „Mauer im Kopf“ einzureißen und ultralinke können weiterhin fröhlich mit ihrem SED Gedankengut Politik machen und hetzen, das ist fast genauso schlimm wie die Hetze von der Rechten.

  2. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Schaps,
    danke für Deine klaren, offenen Worte. Du hast Recht, das Bild der DDR wird durch diese ganze „Ostalgie“ schöngeredet, und darüber hinaus vergisst man leicht, was dort hinter den Fassaden abging. Das ist vor allem für diejenigen gefährlich, die nicht dabei gewesen und es (zum Glück!) nicht erlebt haben, nämlich die jungen Menschen. Deshalb finde ich es umso wichtiger, dass nun auch Filme wie „Das Leben der Anderen“, „Wir sind das Volk“ und „Der Stich des Skorpions“ gezeigt werden, die die ganze harte Realität darstellen. Ich als nicht Dabeigewesene sitze immer völlig fassungslos vor solchen Bildern und bin entsetzt über die Rücksichtslosigkeit und Unmenschlichkeit und vor allem darüber, dass das erst vor so kurzer Zeit passiert ist! Aber eben solche Filme, in denen die historischen Fakten mit Menschenschicksalen verknüpft werden, sind ja besonders eindringlich und erreichen (hoffentlich!) auch besonders viele Menschen. Ich jedenfalls bin schon sehr gespannt auf die beiden Filme, die heute Abend zu dem Thema laufen. Vielleicht siehst Du ja den einen oder anderen auch…
    Liebe Grüße,
    Mareike

  3. Schaps sagt:

    Hab leider keinen der Filme gesehen, zur Bildung brauche ich die auch nicht unbedingt. Von deutschen Fernsehfilmen halte ich aber auch nicht sooo viel. Das Leben der Anderen ist natürlich da was anderes, ist ja recht aufwändig und für Kino gemacht, den werd ich mir auf jeden Fall noch ansehen…

  4. Schonzeit sagt:

    Das Leben der Anderen ist ein packender Film der einen schauern lässt. Zu Beginn fehlt ihm etwas an Identifikation, doch diesen Missstand räumt das Werk zum Glück sehr schnell durch präzise Führung des Regisseurs aus dem Weg und wird beklemmend ergreifend.

  5. bonafilia sagt:

    ich denke JETZT muss ich den Film endlich sehen…..irgendwie hab ich es bislang immer verpasst!

  6. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Malte,
    das sind ja in der Tat veröffentlichungsreife Worte, die Du da schreibst. Aber Du hast absolut Recht mit Deiner Kurzkritik!
    *knuddel*
    Mareike

  7. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Bonafilia,
    der Film ist wirklich sehenswert! Lass mich wissen, wie er Dir gefallen hat, ja?
    Liebe Grüße,
    Mareike

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: