Die Luft angehalten…!

Heute ist etwas passiert… oder nein, ich muss anders anfangen. Kennt Ihr das, wenn man… naja, ich sage mal, ein Risiko bewusst eingeht? Wenn man genau weiß, etwas könnte schief gehen, und irgendwie macht man es trotzdem? Hm, ich merke schon, ich muss das präzisieren. Jedenfalls haben wir heute wieder etwas dazugelernt, Herr Sichtfeld und ich.

Wir waren gerade im Aufbruch um wieder eine Ladung Kisten zu unserem Haus rüberzufahren. Das Auto war voll, und Herr Sichtfeld verstaute gerade Sichtfeldchen im Kindersitz. Ich stand irgendwie daneben, ohne etwas bestimmtes zu tun. Dann machte Herr Sichtfeld die Autotür zu, und genau in dem Moment entfuhr ihm ein herzhaftes „Sch…!“. Es klang jedoch nicht wütend oder so, sondern so, als wäre ihm genau jetzt das Herz in die Socken gerutscht. Das war es auch, und ich begriff auch genau in dem Moment, was ihn so erschüttert hat. Die Autotüren waren alle zu. Sichtfeldchen saß im Auto. Die Zentralverriegelung war aktiviert, sprich, man konnte die Türen nicht von außen öffnen. Und wo war der Schlüssel? In Sichtfeldchens Hand. Sie liebt es so, mit dem kleinen Knopf zu spielen, der den Schlüsselbart aus dem Gehäuse schnappen lässt… Das meinte ich mit „ein Risiko bewusst eingehen“.

Dazu muss ich erklären, dass wir seit gestern die Autos mit den Großeltern Sichtfeld getauscht haben, weil wir nur einen Mittelklassewagen fahren und sie einen Van, in den im Rahmen des Umzugs natürlich viel mehr reinpasst. Und wie es das Schicksal so will: Sie hatten uns nur diesen einen Schlüssel dagelassen – der Zweitschlüssel liegt etwa 600km weiter nördlich.

Man stelle sich also folgende Situation etwa filmreif vor: Im Auto in ihrem Kindersitz sitzt ganz friedlich das 1 1/2jährige Sichtfeldchen mit dem Autoschlüssel in der Hand. Draußen vor dem Fenster stehen zwei ihre aufkochende Nervosität unterdrückende Eltern und reden auf Sichtfeldchen ein, einen bestimmten Knopf auf dem Schlüssel zu drücken und somit die Autotüren zu öffnen. Und man stelle sich vor allem Sichtfeldchens erstaunten und leicht fragenden Gesichtsausdruck angesichts des Schauspiels vor ihrer Fensterscheibe vor.

Mama: Schatz, drück mal ganz fest auf den Knopf! Nein, nicht auf den Knopf, auf den anderen!
Papa: Oh Gott, das schafft sie doch nie!
Mama: Ganz ruhig, Moment. Schatz drück mal auf den Knopf. Wo ist der Knopf?
Papa flucht leise vor sich hin.
Mama: Du machst das super, mein Schatz, drück nochmal drauf!
Papa versucht Sichtfeldchen anhand eines anderen Schlüssls zu zeigen, das sie am anderen Ende auf den Schlüssel drücken soll. Noch mehr fragende Blicke aus dem Wageninneren.
Papa: Guck mal, Süße, hier musst du drücken, nicht da!
Mama: Feste, gaaanz feste!
Papa guckt sich vorsichtshalber schonmal nach einem geeigneten Stein zum Scheibeinschlagen um.
Mama: Sie schafft das! Solange sie nur den Schlüssel nicht fallen lässt!
Papa: Gut festhalten, Süße!
Mama: Mit beiden Händen, Schatz! Ja, so ist es gut, und jetzt ganz feste drücken!
Sichtfeldchen drückt. Der Schlüssel verrutscht in ihrer Hand. Mama und Papa wagen kaum zu atmen.
Mama: Sie hat es gleich. Los, Schatz, nochmal mit dem anderen Daumen! Ganz feste!
Papa macht sich startklar mit der Hand an der Beifahrertür. Sichtfeldchen verriegelt zum wiederholten mal das Auto.
Mama: Du machst das ganz super, mein Schatz! Los, nochmal ganz feste drücken!
Auto: KLICK.
Papa reißt die Autotür auf, und Mama und Papa liegen sich jubelnd und aufatmend in den Armen.

Wir haben ja so ein intelligentes Kind! Und wir sind ja manchmal so dumme Eltern! Es war echt nur eine Frage der Zeit, bis das mal passiert! Aber man ist ja lernfähig: Den nächsten Autoschlüssel bekommt Sichtfeldchen erst so in 16 Jahren in die Hände! 😉

Nee, im Ernst – irgendwie habe ich die ganze Zeit daran geglaubt, dass Sichtfelchen das schafft, und konnte deshalb sogar in dem Moment die Szene mit humor nehmen, auch wenn es tatsächlich ganz anders hätte ausgehen können. So sind wir nun alle wieder um eine Erfahrung und ein paar Einsichten reicher geworden! Was will man mehr?

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14 Responses to Die Luft angehalten…!

  1. Elisabeth sagt:

    *aufatme* Ja, liebe Mareike,
    was will man mehr an so einem wunderbaren Ostermontag!? 🙂 Das ist doch schon was, ein wunderbares Geschenk – stell dir die ganze Szene ohne Sichtfeldchen vor, einfach chancenlos, nicht wahr? 😉 Gut, dass ihr so einen tollen kleinen Schatz habt!!! 🙂
    Allerliebste Sonnengrüße von Elisabeth

  2. theomix sagt:

    Liebe Mareike,
    das sind Krimis, die das Leben schreibt… Und gerade mit den lieben Kleinen gibt es ja manchmal ganz „scharfe“ Situationen. Eine verrückte lustige aufregende Geschichte. Herzlichen Glückwunsch! Auch zu euch und zu eurem Kind! Und mit eine Spur Männersolidarität einen Gruß an den verzweifelt habenden Papa, ich wäre wohl zunächst mal vor lauter Aufregung im Viereck gesprungen…
    Liebe GRüße, Jörg

  3. sabrina sagt:

    Ja, das ist der Horror! Gut das alles noch mal gut verlaufen ist. Einer Freundin von mir ist es weniger gut ergangen, ihr Sohn knapp 2 Jahre im Auto, Schlüssel drinnen, Ersatzschlüsselwächter nicht erreichbar. Mit einer fremden Person nach Hause gefahren, noch eine fremde Person vors Auto gestellt und dann den Schlüssel geholt. Echte Horrorvorstellung!Ich bin auch sehr vorsichtig, mein Auto verriegelt sich nämlich nach einer Zeit selbst, zwar nicht wenn jemand drin sitzt, aber man weiß ja nie

  4. Schussel sagt:

    Oh… Nervenkitzel pur aus dem wahren Leben! Ich wäre wohl mindestens genauso nervös gewesen…

  5. Sonja sagt:

    puuh, ich habe beim Lesen richtig mitgefiebert. das ist wirklich aufregend…

  6. wortmeer sagt:

    Oh je, oh je. Was für eine brennsliche Situation.
    So habe ich auch schon mal Eltern um ihr Auto rufen springen sehen. Der Vater mit Handy in der Hand und sehr genervt. Die Mutter die Ruhe bewahrend und ruhig auf das Kind im Auto einredend…
    Na ist ja nochmal gut gegangen. Gratuliere!

    Liebe Grüße
    vom wortmeer

  7. Linda sagt:

    Ich kann mir das richtig vorstellen wie ihr vor dem Auto standet. Deshalb mußte ich wirklich lachen als ich diese Geschichte las.Diese Geschichte habe ich schon einmal gehört. Bei der anderen Familie mußte allerdings der Schlüsseldienst zur Raststätte kommen.Also hattet ihr Glück im Unglück. Viele liebe Grüße an deine family.

  8. Lilo sagt:

    Liebe Mareike,
    beim Lesen habe ich tatsächlich den Atem angehalten und hatte gleichzeitig irgendwie das Bedürfnis lauthals zu lachen! 😆
    Gut, dass das so glücklich ausgegangen ist. puh… 😉
    Liebe Grüße
    Lilo

  9. Erika sagt:

    Liebe Mareike,
    das hört sich ja wirklich aufregend an und trotzdem bewundere ich immer wieder Dein Vertrauen, dass alles gut wird. Schön.
    Gleichzeitig fällt mir doch wieder was aus den Tagen der Kinderzeit meiner Kinder ein, Deine Geschichten lösen immer Erinnerungen aus, das ist schön,
    in unserer ersten Wohnung eine Dachwohnung war meine kleine Maus einmal in die Eingangstür gelaufen und hat die Tür zu gemacht, der Schlüssel steckte glaube innen und ich war außen und die Tür ging nicht von außen zu öffnen, ich musse dann den Schlüsseldienst rufen, weil die Türklinke hochkant gestellt war innen und das kleine Mäuschen sowas noch nicht fertigbrachte, oohhh das waren aufregende Sachen…
    Aber heute sind sie erwachsen und das ist so schön, wie sie selbständig werden und trotzdem meine Kinder bleiben. Das ist wunderschön.
    Alles Liebe, seid gut beschützt
    das wünsche ich Euch
    herzliche Grüße
    von Erika 🙂

  10. Sicht-Feld sagt:

    Ihr Lieben,
    danke für Eure vielen tollen Kommentare und netten Geschichten, die Euch zu unserem Abenteuer eingefallen sind!
    Ganz untypisch antworte ich Euch heute ausnahmsweise mal allen zusammen, aus Zeitgründen, wie Ihr Euch sicher denken könnt, denn wir investieren im Moment jede freie Minute in unseren Umzug. Derzeit sind die Maler im Haus, und ich war gerade mal nachsehen: es wird richtig schön! *freu*
    Alles Liebe Euch allen Lieben!
    Mareike

  11. Frau Momo sagt:

    Das war ja wie ein Krimi zu lesen. Na, wenn die junge Dame alle Situationen im Leben so gut meistert, kann ihr ja nix passieren 🙂

  12. Schaps sagt:

    Haha! Sehr nette Geschichte! Und ich wusste aber auch eingangs schon was für ein Kabiler jetzt kommt. Ich kenn diese Risikosachen 😉
    Aber ein cleveres Töchterchen habt ihr ja! 🙂

  13. Nila sagt:

    Boah, das kann ich mir vorstellen, dass ihr beide nervös ward. Aber Hammer, dass die Kleine so brav drauf gedrückt hatte. Was sie sich wohldabei gedacht hatte? Wäre interessant zu wissen 😀 Puhh, nochmalgut ausgegangen…

  14. Papa sagt:

    @ Nila: Wahrscheinlich hat sie sich gedacht: „Saukomisch das ganze hier. Wie nervös die auf einmal sind … cool. Aber nach 10 Minuten ist der Spaß auch begrenzt, kann hier ja nicht all zu viel anstellen. Naja, dann mach ich die Karre halt mal wieder auf. *drück*“

    😉

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