Zivilcourage? Oder selbstverständlich?

Heute ist mir etwas passiert, von dem ich dachte (hoffte!), das gäbe es nur im Fernsehen. Ich bin jetzt noch völlig aufgewühlt und fassungslos. Ich habe miterlebt, wie eine Mutter ihr Baby in der prallen Sonne im Auto allein gelassen hat!

Ich war mit Sichtfeldchen in unserem Lieblings-Einkaufszentrum gewesen und wollte sie auf dem großen Parkplatz gerade wieder ins Auto setzen, als ich hörte, wie ein paar Passanten sich aufregten wegen eines Kindes, das alleine im Auto saß. Eine Frau ging zurück ins Geschäft, um den Fahrer des Wagens ausrufen zu lassen. Zuerst dachte ich, dass sei nur so ein Versuch zur Zivilcourage mit versteckter Kamera. Trotzdem wollte ich sicher sein. Ich ging also mit Sichtfeldchen zu dem Auto und fand dort ein laut schreiendes etwa drei Monate altes Baby auf dem Rücksitz hinter dem Fahrersitz, angeschnallt in einem altersgemäßen Kindersitz vor. Das Fenster war zur Hälfte hinuntergelassen und mit so einem Auto-Sonnenschutz versehen, das Auto selbst war verschlossen. Ich versuchte zunächst, das Auto zu öffnen oder die Scheibe weiter herunterzulassen, beides erfolglos. Bei dem Versuch, das Baby zu beruhigen, merkte ich, dass in dem Auto, das in der vollen Sonne stand, eine Gluthitze herrschte.
Ich rief eine andere Frau herbei und bat sie, Sichtfeldchen zu halten, dann löste ich die Sitzgurte von dem Babysitz und nahm das völlig verschwitzte Kind durch das halboffene Fenster heraus und auf den Arm. Es trug zu allem Überfluss recht dicke langärmelige Kleidung, was die Hitze ja nur verstärkte. Inzwischen kam auch die Frau wieder, die die Fahrerin hatte ausrufen lassen. Etwa zwei Minuten später kam die Mutter des Babys mit einem sehr voll beladenen Einkaufswagen (der m.E. dafür spricht, dass sie mindestens 15 Minuten außer Sichtweite in dem Geschäft verbracht hat) dazu. Sie nahm ihr weinendes Baby auf den Arm und reagierte auf unsere fassungslosen Ermahnungen völlig uneinsichtig, unter anderem mit der Aussage, wir könnten ja beim nächsten Mal die Polizei rufen.

Ist so etwas zu fassen?!? In dem Auto herrschte wirklich eine Wahnsinnshitze, und das arme kleine Ding war völlig außer sich und total verschwitzt. Und dass diese Mutter so uneinsichtig war…! Ich meine, ich weiß schon, dass man manchmal als Mutter gestresst ist und vielleicht auch einfach mal froh ist, wenn das Kind schläft, und es dann unter keinen Umständen wecken will. Aber das ist doch keine Entschuldigung! Man kann doch das Kind im Autositz mit in den Supermarkt nehmen! Oder man geht eben zu einer anderen Zeit einkaufen! Es gibt doch jede Menge Möglichkeiten – das hier war in meinen Augen grob fahrlässig, zum Einen, weil die Frau ihre Aufsichts- und Fürsorgepflicht verletzt und das Kind in der Hitze allein im Auto gelassen hat, zum Anderen, weil es für eine Fremde wie mich ein Leichtes war, das Kind aus dem Auto zu nehmen. Ich sah Gefahr in Verzug und handelte in bester Absicht und mit Zeugen, aber es sind doch schon auf ganz andere Weise Kinder verschwunden!

Und noch ein Wort zur Zivilcourage: Für mich war es völlig selbstverständlich, sofort zu handeln. Ich denke, das wäre für jeden von Euch auch so, nicht wahr? Wie kann man da wegsehen? Und dann noch bei einem Säugling?! Und was, wenn die Frau das wieder macht? Es war für mich nur eine logische Konsequenz, den Vorfall zu melden. Ich hätte mir und Sichtfeldchen nicht mehr in die Augen sehen können, wenn ich nichts gemacht hätte!

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23 Responses to Zivilcourage? Oder selbstverständlich?

  1. lukeblogde sagt:

    das ist schon heftig, aber auch mutig von dir – ich weiß nicht, ob ich mich getraut hätte das Kind da raus zu nehmen, wahrscheinlich auch nur, wenn andere Leute dabei gewesen wären. Bei dieser Affenhitze würde ich Luke (der wesentlich älter ist) nicht alleine im Auto lassen – davon ab lass würde ich ihn eh nicht im Auto lassen und dann einkaufen gehen, das max. ist zur Post rein oder kurz in die Tanke. Das man das Kind einfach so rausnehmen konnte find ich fast noch am schlimmsten. Wo hast du es gemeldet?

  2. theomix sagt:

    Liebe Mareike,
    ich kann die Wut und deinen Einsatz sehr gut verstehen. Ich denke einfach, wen man selbst Kinder hat, ist der Blick geschärft.
    Gut, dass du eingegriffen hast!
    Liebe Grüße, Jörg

  3. Schonzeit sagt:

    Es gibt keine Entschuldigung für grobe Fahrlässigkeit. Ich kann auch die Situation nicht beurteilen.

    Würde mich jedoch eine Menschenmenge empfangen und mit Vorwürfen bedecken würde ich auch erstmal abwehrend reagieren und die Kritik nicht zulassen.

    Viel später würde ich mir dann Gedanken machen über alles und dann mein eigenes Urteil fällen.

  4. agichan sagt:

    Ich schließe mich da Schonzeit an. Als Mutter in so einer Situation würde ich wohl auch eher abwehrend reagieren. Selbst wenn ich schon in diesem Augenblick gesehen hätte, dass mein Verhalten wirklich kritikwürdig ist. Andrerseits sind deine Sorgen natürlich berechtigt. Man kann nur hoffen, dass die Mutter sich – sofern sie immer noch nicht eingesehen hat, dass ein 3monate altes Kind nicht im Auto zurückgelassen werden sollte (btw finde ich das aus Prinzip schlimm.. eben weil es aufwacht und schreit und keine Mutter da ist um es zu trösten. Da ist die brütende Hitze eigentlich nur noch i-Tüpfelchen – das allerdings kann dem Kind im schlimmsten Fall zum Verhängnis werden) – diesen Anschuldigungen auf dem Parkplatz nicht mehr aussetzen möchte. Ich denke, du hast alles getan, was du tun konntest und dein Mut ist definitiv bewundernswert.

  5. Schaps sagt:

    Richtig so! Und gut zu hören, dass sich so viele Leute gekümmert haben! Zivilcourage ist häufiger zu finden als man denkt. Die meisten Leute gehen ja schon mit der Meinung ran, dass NIEMAND helfen würde usw…

  6. Frau Momo sagt:

    Ich hätte zur Not die Scheibe eingeschlagen oder wirklich die Polizei alarmiert.
    Die Teilnahmslosigkeit der Mutter finde ich schockierend….

  7. Andrea sagt:

    Du hast auf jeden Fall richtig gehandelt. Wenn wirklich etwas passiert wäre, hätte die Mutter sich ihr Leben lang Vorwürfe gemacht, auch wenn sie es in dem Moment nicht eingesehen hat.

  8. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Sabrina,
    dass ich das Kind aus dem Auto geholt habe, war ein rein intuitiver Entschluss, und ebenso, dass ich mir noch jemanden dazu gerufen habe. Wenn ich da so im Nachherein drüber nachdenke, wundere ich mich ein bisschen über mich selbst! 🙂 Ich konnte das arme Kind doch nicht in dieser Hitze lassen!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  9. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Jörg,
    danke für die bestätigenden Worte. Ja, mag sein, dass ich besonders „empfindlich“ bin, weil ich selber gerade ein noch recht kleines Kind habe…
    Liebe Grüße,
    Mareike

  10. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Malte,
    tja, ich hoffe sehr, dass diese Mutter ihr Verhalten anschließend nochmal überdacht hat und so etwas nicht nochmal macht. Was Du schreibst, stimmt schon, die wenigsten können freundlich bleiben, wenn sie von einer Gruppe vorwurfsvoller Menschen empfangen werden… Ich selber habe mich da sogar noch zurückgehalten – ich war ehrlich gesagt sprachlos angesichts der Situation!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  11. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Agichan,
    danke für Deine Offenheit. Bis zu einem gewissen Punkt kann ich das Verhalten der Mutter NACH ihrer Rückkehr auch verstehen. Ich bin allerdings noch immer fassungslos darüber, wie sie ihr Kind allein lassen konnte! Ich dachte echt, das gibt es nur in diesen ganz schlechten Boulevard-Magazinen…
    Liebe Grüße,
    Mareike

  12. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Schaps,
    ich glaube, Zivilcourage hat auch immer damit zu tun, wie gefährlich die Situation für den Eingreifenden selbst werden könnte. Vielleicht zeigen Frauen in gefährlichen Situationen von Natur aus weniger Zivilcourage…? Ich weiß z.B. nicht, ob ich mich in eine Schlägerei einmischen oder bei einem Unfall nachts auf einer verlassenen Landstraße Hilfe anbieten würde – aus reiner Angst, selber Opfer zu werden. Ich würde dann eher per Handy Hilfe rufen und hoffen, dass diese schnell eintrifft. Aber in diesem Fall gab es für mich einfach keine Alternative! Vielleicht auch deshalb, weil es um ein Kind ging.
    Liebe Grüße,
    Mareike

  13. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Frau Momo,
    ich glaube, das hätte ich auch getan, wenn das Fenster nicht weit genug offen gewesen wäre. Ich hoffe so sehr, dass diese Mutter (und auch andere!) so etwas nicht wieder macht/machen! Muss denn erst wieder etwas passieren, damit solche Leute wachgerüttelt werden?!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  14. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Andrea,
    ja – und ich hätte meinem Kind echt nicht mehr in die Augen schauen können! Wenn man helfen kann, dann sollte man das auch tun, ganz einfach!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  15. Schaps sagt:

    Da könntest du recht haben…

  16. Elisabeth sagt:

    Liebe Mareike,
    unfassbar… wie gut, dass DU in der Nähe warst und dass DEIN Mutterherz gleich reagiert hat! Ich finde das toll, ehrlich – denn die Polizei hätte dem Baby wohl wenig genutzt…
    Liebste Grüße von Elisabeth – sehr verstört nun…

  17. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Schaps,
    klar, schon aus Prinzip! ^^
    Liebe Grüße,
    Mareike

  18. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Elisabeth,
    ja, ich bin auch noch richtig verstört von dem Vorfall. Etwas überraschend finde ich, dass ich nicht bei allen, denen ich davon erzähle, auf die gleiche Entrüstung stoße. Aber ich war ja dabei und habe gemerkt, das es dem Kind schlecht ging. Hätte es ruhig dagelegen und geschlafen, dann hätte ich vielleicht auch anders reagiert – die Polizei gerufen oder sonstwas. Aber ich finde nach wie vor, dass es für das Verhalten der Mutter absolut keine Entschuldigung gibt. So etwas könnte ich Sichtfeldchen nie antun!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  19. Chris sagt:

    Unglaublich, und ich dachte, sowas gibt es immer nur in den RTL Nachrichten. Auch wenn es ja eine gewissen Hemmschwelle gibt, sich so in anderer Leute Dinge einzumischen – bei so offensichtlichen Verstößen gegen den gesunden Menschenverstand und elterliche Sorgepflichten war Handeln richtig und selbst Scheibe einschlagen oder Polizei rufen wäre sicherlich ok gewesen. Innerhalb von 45 Minuten kann sich ein Auto Innenraum leicht auf 70 Grad erhitzen. Durch den Backofeneffekt reichen schon 15 Minuten zum Ersticken oder Überhitzen, das sollte inzwischen eigentlich jeder wissen. Horror-Meldungen gibt es doch jeden Sommer genug in den Zeitungen.

  20. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Chris,
    willkommen bei mir und danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Genau so ging es mir auch – ich dachte, das gäbe es nur in diesen Mittagsmagazinen der Privaten. Sowas mit eigenen Augen zu sehen jagt einem schon Angst ein. Wie kann man so leichtfertig mit dem Wohlergehen (s)eines Kindes spielen?!?
    Liebe Grüße,
    Mareike

  21. Babsi sagt:

    liebe mareike
    auch wenn dieser beitrag schon älter ist, hier muß ich noch antworten.
    ich finde es bei hunden oder anderen tierchen schlimm, in einem heißen auto eingesperrt zu sein.bei kindern aber gehört der mutter eigentlich schon mehr als ne standpauke 😦
    manchmal finde ich echt, es gehört sowas wie der elternführerschein her oder elternschaft auf probe, so wies grad mit den teenies auf rtl gezeigt wird
    spitze, dass du und ein paar andere da so reagiert habt, wirklich!!!!

    glg babsi

  22. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Babsi,
    ich kann vor allem einfach nicht verstehen, wie man so fahrlässig mit dem Wohlergehen seines eigenen Kindes umgehen kann! Das arme Mädel hätte einen Hitzschlag bekommen können oder was weiß ich, und stell Dir mal vor, es wäre jemand mit bösen Absichten vorbeigekommen und hätte das Kind so einfach aus dem Auto herausnehmen und mitnehmen können! Ich darf gar nicht darüber nachdenken!
    Ich habe anschließend den Vorfall auch gemeldet – ich hoffe, dass das Konsequenzen hatte und das zumindest bei dieser Mutter so etwas nicht noch einmal vorkommt!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  23. Noraksa sagt:

    Ich weiß, dies liegt jetzt schon etwas zurück aber folgende Nachricht hat mich wieder daran erinnert und daher noch einmal Hut ab an alle, die so handeln wie Du.

    http://magazine.web.de/de/themen/nachrichten/panorama/8381998-Baby-stirbt-vom-Vater-vergessen-im-Auto,cc=0000055079000838199812pLbn.html

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