Neue Geschäftsmasche?

Gestern abend bin ich vor der allmittwochlichen Chorprobe noch etwas durch die Bonner Innenstadt gebummelt und habe mir als kleinen Abendimbiss so ein Sechstelstück Pizza von dieser leicht überteuerten Pizza-Hütten-Kette genehmigt. Bevor ich jedoch in das nächste Geschäft hineingehen konnte, musste ich ja ersteinmal die Pizza aufgegessen haben. Gesagt, getan. Ich schiebe mir also den letzten, etwas überdimensionierten Bissen in den Mund, werfe Papierserviette und Pappteller in den nächsten Mülleimer und drehe mich Richtung Eingang, mit etwa folgenden Gedanken im Kopf:

„Oh Mann, hoffentlich sieht jetzt keiner zu genau in mein Gesicht, wie ich hier schwer kaue, mit dicken Backen usw. – sieht bestimmt ziemlich bekloppt aus… Aber egal, mich kennt hier ja zum Glück keiner…“

Und was passiert genau in diesem Moment? Da kommt so ein etwas heruntergekommener Jugendlicher und spricht mich in so einem ganz leisen, zaghaften Ton an, den ich noch dazu kaum verstehe. Ich würde kaum mehr als ein „Mmmmpf“ herausbringen, deshalb versuche ich, ihn durch Gesten darauf aufmerksam zu machen, dass ich gerade den Mund voll habe. Das hat er vermutlich noch gar nicht gemerkt! Er murmelt jedenfalls etwas davon, dass er mich nicht belästigen will oder so und tut es aber trotzdem. Mit Mühe und Not bringe ich ein ziemlich undeutliches „IschhabdemMumpvoll“ heraus und will damit an sein Feingefühl appelieren, dass er sich abwendet und uns beiden den Rest dieser Peinlichkeit erspart. Aber er fragt mich stattdessen, ob ich nicht etwas Geld für ihn hätte für etwas zu essen. Na toll! Wie bitte soll ich mich den jetzt fühlen? Ich stehe hier mit bis zum Bersten mit Pizza gefüllten Backentaschen, und er erzählt mir, dass er Hunger hat. Ich resigniere kurzerhand und ziehe mein Portemonnaie heraus – ehrlich gesagt vor allem deshalb, weil ich diese blöde Situation so schnell wie möglich beenden und meinen Rest Pizza in Ruhe und einem Rest Würde herunterwürgen will – und drücke ihm eine Münze in die Hand. Er bedankt sich und verschwindet. Aufatmen kann ich nur durch die Nase, mein Mund ist immer noch zu voll…

Ich gebe zu, bei den üblicherweise in meiner Mundhöhle herrschenden Raumverhältnissen hätte ich mich wortreich und versuchtermaßen höflich aus der Affäre gezogen und ihm nichts gegeben. Ich spende lieber an Straßenmusiker, denen ich eine Weile zuhöre, oder über eine ganz bestimmte Organisation, von der ich weiß, dass das Geld auch wirklich ankommt und sinnvoll genutzt wird.

Anschließend konnte ich mich jedoch eines bestimmten Gedankens nicht erwehren: Ist das eine neue Geschäftsmasche? Legen die es jetzt vielleicht drauf an, Leute auf dem falschen Fuß zu erwischen und die unangenehme Situation für den potentiellen Geldgeber auszunutzen? Ich könnte mir vorstellen, dass man damit gar nicht so schlecht verdient! Vielleicht gibt es ja mehr Leute wie mich, die sich mit vollem Mund nicht mehr in der Lage sehen, die Bitte um Geld höflich und dennoch entschieden von sich zu weisen, und die sich dann lieber von einer Münze trennen, als einfach stumm den Kopf zu schütteln und sich wegzudrehen… Es lebe die Höflichkeit!

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12 Responses to Neue Geschäftsmasche?

  1. andrea2007 sagt:

    Liebe Mareike, ich muss doch schmunzeln bei dieser Geschichte…Ich stell mir grad vor, wie Du an diesem Riesenbrocken Pizza rumkaust, gleichzeitig den jungen Mann abwimmeln willst und eigentlich sowieso lieber in dem schönen Geschäft da vorne shoppen gehen willst:-) Ob Masche oder nicht, er hat bekommen,was er wollte und Du hast eine gute Tat getan. Es lebe die Höflichkeit und die Pizza:-) Herzliche Grüsse Andrea

  2. bonafilia sagt:

    Och ..Mareike
    ich finde das macht dich gerade so sympathisch, die vollen Backen, das Mampfen und die Spende!…ob das nun eine gekonnte Masche von dem Typen war ist letztendlich egal…du hast ein gutes Werk getan! 😉
    Es lebe die Höflichkeit! 😀
    LG Bonafilia

  3. Schonzeit sagt:

    Ich persönlich habe kein Problem damit auch mit vollem Mund Bettler stehen zu lassen.

    In der Zeit in der ich in der Innenstadt arbeitete war es so, dass ich auf dem Weg zu Fuß zur Arbeitsstelle und nach Hause ungefähr 5 – 10 Mal angeschnorrt wurde pro Tag. Da lernt man irgendwann den Reflex des Mitleids unterdrücken.

  4. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Andrea,
    genau – wieder ein kleines Schrittchen weiter auf der Himmelsleiter… 😉 Aber blöd war es schon! Ich hab echt noch vorher gedacht, hoffentlich sieht mich jetzt keiner, den ich kenne – und dann sowas!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  5. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Bonafilia,
    ja, so sehe ich es auch – was bleibt mir übrig?! Die Pizza hat trotzdem geschmeckt, und solange der Typ sich davon keinen Alkohol oder noch schlimmeres finanziert hat, soll es mir Recht sein. 🙂
    Liebe Grüße,
    Mareike

  6. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Malte,
    ja, das kann ich auch verstehen. Irgendwann wird man resistent, und das ist in den meisten Fällen sicher auch besser so. Ich frage mich halt immer, was die dann eigentlich mit dem Geld machen. Kaufen sie sich wirklich Lebenmittel, oder finanzieren sie damit ihren Alkohol- und Drogenkonsum?
    Gerne gebe ich Straßenmusikern etwas, denn ich höre ihnen auch immer gerne zu und lasse mir von der Musik meine Laune noch etwas aufpäppeln. Wenn ich ihnen dann Geld gebe, dann finde ich wortwörtlich, dass sie es sich verdient haben.
    Liebe Grüße,
    Mareike

  7. theomix sagt:

    Liebe Mareieke,
    was für eine Situation. Ich vermute mal, das dein Gegenüber im Moment des Ansprechens und Anguckens seine Chance gewittert hat.
    Und wie herrlich, die ecke, von der du sprichst kenn ich habe sie genau vor Augen. Es lebe Bonn!
    Herzlich: Jörg

  8. Sicht-Feld sagt:

    Lieber Jörg,
    ja, genau den Verdacht habe ich ja auch.
    Ach ja, Du wohnst ja auch nicht allzu weit weg. Ich finde die Vorstellung immer merkwürdig, dass man sich durchs Bloggen ja schon irgendwie „kennt“, dass man aber blind aneinander vorbeilaufen würde, wenn man sich zum Beispiel an eben jener Ecke in Bonn zufällig begegnen würde…
    Liebe Grüße,
    Mareike

  9. Erika sagt:

    Liebe Mareike,
    das war schon eine verzwickte Situation, das kenne ich auch, man wünscht sich die schnellstens vorbei,
    ich stelle mir jetzt grad noch vor, dass Dich der Jörg so gesehen hätte an der besagten Ecke und irgendwie hättet ihr Euch doch erkannt, das wäre ja lustig geworden und hätte einen schönen Beitrag gegeben. Das Leben hält immer Überraschungen bereit, ich habe schon an manchen Ecken Menschen getroffen, an die ich im Leben nicht gedacht hätte
    Alles Gute weiterhin und danke für die Geschichte
    liebe Grüsse Erika 😉

  10. Frau Momo sagt:

    Ich gebe auch grundsätzlich nie etwas, zumal sich hier in Hamburg viele organisierte Banden tummeln, die die Leute morgens auf die Straße setzen und abends wieder einsammeln. Ich würde auch arm werden, wenn ich jedes Mal auch nur einen kleinen Betrag geben würde.
    Ich kaufe jeden Monat die hiesige Obdachlosenzeitung bei meinem Stammverkäufer, gebe auch schon mal was für Straßenmusiker (auch wenn ich manchen gerne was geben würde, damit sie aufhören 🙂 ).
    Als Großstadtmensch und als Bewohnerin unseres Kiezes kriegt man da auch mit der Zeit ein dickes Fell und ich kann mich inzwischen auch energisch wegdrehen oder einfach den Kopf schütteln.
    Aber ich verstehe Deine Notlage und vielleicht hat der Schnorrer sich ja wirklich was zu essen gekauft.

  11. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Erika,
    ach Du liebe Zeit, das hätte mir gerade noch gefehlt, dass mich jemand so sieht, den ich kenne! 😀
    Aber Du hast schon Recht, solche unverhofften Begegnungen sind schon toll!
    Liebe Grüße,
    Mareike

  12. Sicht-Feld sagt:

    Liebe Frau Momo,
    von solchen organisierten Banden habe ich auch schon gehört, und denen möchte ich kein Geld geben. Ich kann mir vorstellen, dass man sich dagegen in einer Großstadt ein dickes Fell zulegen muss.
    Was die Straßenmusiker betrifft, denen gebe ich gerne etwas, denn immerhin haben sie mit ihrer Musik ja mein Herz erfreut. 🙂
    Liebe Grüße,
    Mareike

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