Neue Geschäftsmasche?

Donnerstag, 30.Juli 2009

Gestern abend bin ich vor der allmittwochlichen Chorprobe noch etwas durch die Bonner Innenstadt gebummelt und habe mir als kleinen Abendimbiss so ein Sechstelstück Pizza von dieser leicht überteuerten Pizza-Hütten-Kette genehmigt. Bevor ich jedoch in das nächste Geschäft hineingehen konnte, musste ich ja ersteinmal die Pizza aufgegessen haben. Gesagt, getan. Ich schiebe mir also den letzten, etwas überdimensionierten Bissen in den Mund, werfe Papierserviette und Pappteller in den nächsten Mülleimer und drehe mich Richtung Eingang, mit etwa folgenden Gedanken im Kopf:

„Oh Mann, hoffentlich sieht jetzt keiner zu genau in mein Gesicht, wie ich hier schwer kaue, mit dicken Backen usw. – sieht bestimmt ziemlich bekloppt aus… Aber egal, mich kennt hier ja zum Glück keiner…“

Und was passiert genau in diesem Moment? Da kommt so ein etwas heruntergekommener Jugendlicher und spricht mich in so einem ganz leisen, zaghaften Ton an, den ich noch dazu kaum verstehe. Ich würde kaum mehr als ein „Mmmmpf“ herausbringen, deshalb versuche ich, ihn durch Gesten darauf aufmerksam zu machen, dass ich gerade den Mund voll habe. Das hat er vermutlich noch gar nicht gemerkt! Er murmelt jedenfalls etwas davon, dass er mich nicht belästigen will oder so und tut es aber trotzdem. Mit Mühe und Not bringe ich ein ziemlich undeutliches „IschhabdemMumpvoll“ heraus und will damit an sein Feingefühl appelieren, dass er sich abwendet und uns beiden den Rest dieser Peinlichkeit erspart. Aber er fragt mich stattdessen, ob ich nicht etwas Geld für ihn hätte für etwas zu essen. Na toll! Wie bitte soll ich mich den jetzt fühlen? Ich stehe hier mit bis zum Bersten mit Pizza gefüllten Backentaschen, und er erzählt mir, dass er Hunger hat. Ich resigniere kurzerhand und ziehe mein Portemonnaie heraus – ehrlich gesagt vor allem deshalb, weil ich diese blöde Situation so schnell wie möglich beenden und meinen Rest Pizza in Ruhe und einem Rest Würde herunterwürgen will – und drücke ihm eine Münze in die Hand. Er bedankt sich und verschwindet. Aufatmen kann ich nur durch die Nase, mein Mund ist immer noch zu voll…

Ich gebe zu, bei den üblicherweise in meiner Mundhöhle herrschenden Raumverhältnissen hätte ich mich wortreich und versuchtermaßen höflich aus der Affäre gezogen und ihm nichts gegeben. Ich spende lieber an Straßenmusiker, denen ich eine Weile zuhöre, oder über eine ganz bestimmte Organisation, von der ich weiß, dass das Geld auch wirklich ankommt und sinnvoll genutzt wird.

Anschließend konnte ich mich jedoch eines bestimmten Gedankens nicht erwehren: Ist das eine neue Geschäftsmasche? Legen die es jetzt vielleicht drauf an, Leute auf dem falschen Fuß zu erwischen und die unangenehme Situation für den potentiellen Geldgeber auszunutzen? Ich könnte mir vorstellen, dass man damit gar nicht so schlecht verdient! Vielleicht gibt es ja mehr Leute wie mich, die sich mit vollem Mund nicht mehr in der Lage sehen, die Bitte um Geld höflich und dennoch entschieden von sich zu weisen, und die sich dann lieber von einer Münze trennen, als einfach stumm den Kopf zu schütteln und sich wegzudrehen… Es lebe die Höflichkeit!


Traum-Date

Dienstag, 31.März 2009

Gestern abend habe ich beim Einschlafen ein Date mit Herrn Sichtfeld ausgemacht. Das haben wir früher öfter mal gemacht, dann geriet es irgendwie in Vergessenheit – aber gestern abend war mir plötzlich wieder einmal danach. Das Besondere daran ist, dass es eine Verabredung für den Traum ist. Wir verabreden dann zum Beispiel, uns gleich nach dem Einschlafen an einem besonders schönen Ort zu treffen oder etwas besonders Schönes zu machen. Gestern haben wir uns für einen Barfuß-Strandspaziergang verabredet.

Ob wir uns nun wirklich im Traum getroffen haben, daran kann ich mich heute nicht mehr erinnern, aber darum geht es auch gar nicht. Das Schöne daran ist, dass man einschläft mit dem Gefühl der Sonne auf der Haut, des warmen Windes in den Haaren, des Sandes zwischen den Zehen oder der Wellen, die sanft die Fußknöchel umspielen, und mit der Hand des Liebsten in der eigenen…


West und Ost – damals und heute und immer wieder aktuell…

Freitag, 20.März 2009

Den folgenden Text habe ich am 5. Oktober 2008 geschrieben, nachdem ich den Film „Das Leben der Anderen“ zum ersten Mal gesehen hatte. Gestern abend habe ich ihn zum dritten Mal gesehen, gemeinsam mit Herrn Sichtfeld, der ihn noch nicht kannte – und die Wirkung war wiederum genau die selbe wie beim ersten Ansehen. Deshalb hole ich diesen damals leider kaum gelesenen Artikel noch einmal hervor. Es ist keine Filmrezension, sondern vielmehr ein sehr persönlicher Blick auf diese umfangreiche Thematik.

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Schönes und Weises – Was Kinder bewirken

Donnerstag, 5.März 2009

Durch Umgang mit Kindern gesundet die Seele.

– Fjodor Michailowitsch Dostojewski –

Nicht, dass meine Seele vorher krank gewesen wäre. Nein, das ganz bestimmt nicht. Und dennoch ging es ihr noch nie so gut. Seit ich von Sichtfeldchen wusste, blühte meine Seele immer weiter auf, und seit ich Sichtfeldchen zum ersten Mal in den Armen hielt, kommt es mir vor, als sei meine Seele so weit und frei, offen und lebendig, dass ich mich wundere, dass sie überhaupt noch in meinen Körper passt. Vielleicht kommt daher dieses merkwürdige Gefühl, manchmal fast zu platzen vor Glück…

Ich weiß, ich weiß, als Mutter ist man nicht objektiv, als Vater ebenso wenig. Doch jeden Tag erlebe ich es, wie Sichtfeldchen auch anderen Seelen gut tut, nicht nur unseren. Wie oft zaubert sie ein Lächeln auf zuvor müde, griesgrämige Gesichter – allein durch ihre Anwesenheit, ihren neugierigen, staunenden Blick, ein freundliches Winkewinke oder ein völlig überwältigtes „Da!“. Sie schafft es immer wieder, Gesichter zum Leuchten zu bringen, sogar wenn diesen Menschen vor Kurzem noch Schreckliches widerfahren ist. Unsere Nachbarin zum Beispiel ist seit kurzem Witwe, und ich weiß, dass es ihr sehr schlecht geht. Doch wenn ich sie mit Sichtfeldchen im Treppenhaus treffe, dann schafft sie es zu lächeln, liebevoll mit meiner Tochter zu sprechen und schöne Dinge zu sagen, und ich bin mir sicher, dass das an dem tröstenden, heilenden Zauber liegt, der eben von kleinen Kindern ausgeht. Ich selber durfte das auch mit anderen Kindern erfahren, im Beruf und auch privat. Ein Kind zu beobachten, mit ihm zu sprechen oder zu spielen, es in den Armen zu halten – all das vermag den eigenen Kummer für einige Augenblicke zu überdecken und der Seele etwas Glück und Wärme zu spenden. Und tatsächlich gesundet die Seele ein wenig, mit jedem Augenblick, in dem wir uns auf ein Kind einlassen.

Ich bin von Herzen dankbar dafür, dies jeden Tag miterleben zu dürfen – es ist jedes Mal aufs Neue ein kleines Wunder…


Liebeserklärung

Donnerstag, 26.Februar 2009

Ich vermisse Dich. Und ich freue mich wie verrückt auf Dich. Viel zu lange schon habe ich Dich einfach liegen gelassen, gebettet auf dem dunkelblauen Samt, mit dem Dein Kasten ausgekleidet ist und der so wunderbar zu Deinem rotbraunen Holz passt. Sehnsuchtsvoll öffne ich den Koffer, hebe das Tuch an, und da liegst Du vor mir, in all Deiner Schönheit und nach den Jahren der Abstinenz noch immer fast perfekt gestimmt. Meine Finger streichen über Deinen kühlen, glatten Körper, berühren andächtig Deine Saiten. Ich nehme Dich heraus und atme Deinen Duft ein. Das Gefühl, Dich in der Hand zu halten und an die Schulterbeuge zu legen, Dein Gewicht, die leisen Geräusche, die Du bei jeder Berührung von Dir gibst – all das löst so viele wunderschöne Erinnerungen in mir aus. Was haben wir alles miteinander erlebt. Du hast mich wachsen sehen, immer besser haben wir gemeinsam gespielt. Die unvergesslichen Unterrichtsstunden bei Frau T., immerhin elf Jahre lang – Bach, Haydn, Paganini, Rubinstein, Bartok… Und die wundervolle Zeit im Orchester – Grieg, Mussorgsky, Elgar, Beethoven, Gluck, und wiederum Bach… Und wo haben wir schon überall gemeinsam geklungen, sogar ganz bis nach Italien! Deine, unsere Musik war das Erste, das mein Mann von mir kennen lernte, damals auf der Hochzeit, weißt Du noch? Damals, als wir uns noch so gut kannten, als wir uns täglich, oft stundenlang sahen…

Wie konnte es nur so weit kommen? Wie konnte ich Dich nur so lange ruhen lassen? Immer wieder wurde ich von Sehnsucht gepackt, Dich wieder zur Hand zu nehmen, besonders nach dem Besuch eines Konzerts – und immer wieder habe ich mich nicht getraut, Dich erklingen zu lassen, aus Angst vor den Nachbarn – wie konnte ich nur? Ich vermisse Dich so sehr, und ich sehne mich danach, eines Tages wieder mit Dir gemeinsam so zu erklingen, wie wir es vor Jahren einmal vermochten…

Es wird alles gut. Wir werden bald in einem Haus leben, in dem ich Dich wieder spielen kann, und wir werden gemeinsam wieder Unterricht nehmen und mit dieser Hilfe wieder zueinander finden. Und wer weiß? Vielleicht wird mein Traum ja doch eines Tages wahr – gemeinsam mit Dir…?

Für Dich, meine geliebte Violine, ist dieses Stück, das Cantabile von Paganini – eines der letzten Stücke, die wir im Unterricht zusammen gespielt haben…

… und hier ist mein Traum: Ich möchte einmal in meinem Leben mit Dir zusammen das Brandenburgische Konzert Nr.3 von Bach spielen, aus dem hier der dritte Satz erklingt:

Trotz allem immer

Deine Mareike


Erneute Begegnung – oder Erscheinung?

Samstag, 31.Januar 2009

Heute vormittag waren Herr Sichtfeld, Sichtfeldchen und ich mit dem Auto unterwegs und wollten gerade in ein Parkhaus hineinfahren, als ich plötzlich etwas – nein, jemanden sah. „Das ist er! Das ist meine Begegnung!“ platzte es aus mir heraus, und ich war plötzlich ganz aufgeregt. Da war er tatsächlich, der alte Herr im grünen Lodenmantel, genau so, wie ich ihn ihn Erinnerung hatte. Er ging an seiner Krücke, und es sah aus, als fiele ihm das recht schwer. Wir fuhren im Auto an ihm vorbei und konnten nirgends anhalten, sonst hätte ich das sicher getan. Und kaum hatt ich ihn gesehen, war alles wieder da – diese wunderschöne halbe Stunde des Gesprächs mit ihm und vor allem dieses unendlich gute Gefühl im Bauch. Ist das nicht seltsam? Ich habe ihn nur für wenige Sekunden wiedergesehen, nur im Vorbeifahren, und trotzdem fühlte ich mich sofort wieder glücklich, leicht und warm in meinem Inneren, wie an jenem Abend…

Als wir aus dem Parkhaus herauskamen und unsere Besorgungen erledigten, habe ich mich immer wieder nach dem alten Herrn umgesehen, ihn jedoch nirgends mehr entdecken können. Und dennoch lief ich den ganzen Vormittag über mit einem versonnenen Lächeln auf dem Gesicht herum, weil er mir immer wieder im Kopf herumspukte. Was hat dieser Mensch nur für eine Ausstrahlung, für eine Wirkung auf mich, dass es mir so unglaublich gut geht, nur weil ich ihn sehe?! Ich habe mich einfach unglaublich gefreut!


Von guten Mächten…

Mittwoch, 28.Januar 2009

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr;

noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das Du uns geschaffen hast.

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll’n wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.

Laß warm und hell die Kerzen heute flammen
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Gerade habe ich bei Theomix einen Artikel anlässlich des „Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ gelesen und musste spontan an dieses wunderschöne, traurige und zugleich tröstende Gedicht-Gebet von dem Theologen Dietrich Bonhoeffer denken, der 1945 im KZ Flossenbürg starb. Aus Neugier landete ich auf dieser sehr spannenden und Informativen Seite von Wikipedia, die ich Euch hiermit ans Herz legen möchte.

Vor einigen Wochen waren Herr Sichtfeld und ich auf der Beerdigung eines Nachbarn, auf der dieses Lied gesungen wurde. Ich kannte es bis dahin noch nicht als Lied, aber es hat mir so gut gefallen und mich so berührt, dass ich es Euch hier zeigen möchte.


Schönes und Weises – Anderen begegnen

Montag, 26.Januar 2009

Begegne Deinem Mitmenschen immer so, als würde er um Mitternacht sterben.

Diesen Spruch, der zugegeben von der Wortwahl her ziemlich brutal-direkt ist, hörte ich vor einigen Tagen in einem Film, und nach dem ersten Schrecken begann ich, darüber nachzudenken. Er entspricht nämlich ziemlich genau einem meiner persönlichen Grundsätze für ein glücklicheres Leben, nämlich dem, dass ich nicht schlafen gehen mag, wenn ich mit jemandem Streit habe – besonders wenn mir dieser Jemand sehr nahe steht. Klar lässt sich manchmal eine Meinungsverschiedenheit nicht mehr vor dem Schlafengehen ausräumen, aber es ist mir wichtig, dass man sich vor dem Abschied für die Nacht noch einmal versichert, dass sich an der Basis der Liebe nichts geändert hat. Das ist manchmal gar nicht so einfach, aber es tut gut, sich zu sagen, dass man sich liebt und dem anderen nichts Böses will, auch wenn man gerade in vermeintlich elementaren Punkten unterschiedlicher Meinung ist.

Aber dieser Spruch geht noch so viel weiter. Er ist ein Leitsatz für den Umgang mit allen Menschen. Er ist ein Prinzip für ein besseres und liebevolleres Miteinander. Und er erinnert daran, dass es manchmal plötzlich auch zu spät sein kann, etwas wieder gut zu machen oder etwas auszusprechen. Warum also sollten wir nicht unserem Mitmenschen so entgegentreten, dass wir ein gutes Gefühl und reines Gewissen hätten, welbst wenn wir ihm oder ihr nie wieder begegnen sollten?! Und das gilt für die Frau beim Aldi an der Kasse ebenso wie für den alten Herrn am Parkautomaten oder den gestressten Autofahrer links schräg hinter uns. Manchmal fällt es leichter, manchmal schwerer. So ist das eben. Aber es ist sicher gut, immer mal wieder an diese Worte zu denken…


Sichtfeld’sche Wintertradition

Montag, 12.Januar 2009

Wenn ich an meine Kindheit denke, fallen mir sofort tausend schöne Erinnerungen ein. Ich hatte eine wunderbare Kindheit, und meine Eltern haben es immer wieder geschafft, mir unvergessliche Momente zu bereiten, die mir besonders jetzt, da ich selber Mutter bin, wieder ins Gedächtnis kommen und mich lächeln lassen.

Eine dieser Erinnerung ist eine schöne Tradition, die ich vor allem mit meinem Vater in Verbindung bringe. Bei uns war es üblich, sonntagnachmittags einen ausgedehnten Spaziergang in einem der schönen schleswig-holsteinischen Wälder zu machen. Zugegeben, als Kind wusste ich das nicht wirklich zu würdigen, sondern wäre lieber zu Hause geblieben bei meinen großen Brüdern, von denen ich wusste, dass sie die ganze Zeit über fernsehen würden – das war damals etwas Besonderes für uns. Sie waren eben schon groß genug und mussten nicht mehr mit in den Wald, aber ich, tja, ich musste. Doch ich habe ja von schönen Erinnerungen gesprochen! Es liegt in der Natur der Dinge, dass ein Großteil dieser Spaziergänge im Winter stattfand – und dieser ist in meiner Heimat grau und feucht und dauert etwa sechs Monate lang. Doch wenn wir an einem solchen Tag verfroren und erschöpft wieder zu Hause angekommen waren, dann kam es regelmäßig vor, dass mein Vater sagte, „So, und jetzt backen wir Waffeln!“ Und dann wurde kurzerhand das Waffeleisen ausgepackt, Vater Sichtfeld und ich machten den Teig fertig und die ganze Familie versammelte sich um den Küchentisch, um Waffeln zu backen und genüsslich zu verzehren. Das waren so schöne Nachmittage, der Duft von Waffeln in der Küche, die beschlagenen Fensterscheiben, die leckeren Waffelherzen mit Puderzucker und Marmelade und das Zusammensein mit der ganzen Familie… Mir wird jetzt noch immer ganz warm ums Herz, wenn ich an diese Winternachmittage denke.

Gestern nun waren Herr Sichtfeld und ich mit Sichtfeldchen und dem Schlitten draußen im Schnee, und es war Sonntagnachmittag, und wir kamen ganz durchgefroren wieder nach Hause in unsere Wohnung. Schon im Treppenhaus sagte ich zu Herrn Sichtfeld, dass das der perfekte Nachmittag zum Waffelnbacken sei. Daraufhin entgegnete er, dass wir doch eigentlich alles dazu im Haus hätten, inklusive dem Waffeleisen, das wir von seiner verstorbenen Großmutter geerbt und erst einmal vor Jahre benutzt haben. Ich war natürlich gleich Feuer und Flamme, flitzte in die Küche und bereitete den Teig zu (das Rezept habe ich mir telefonisch von meinem Vater durchgeben lassen), und dann saßen wir gemütlich zu dritt am Esstisch und backten Waffeln. Und es war fast so wie früher: Der Duft von Waffeln, die beschlagenen Fensterscheiben, die leckeren Waffelherzen mit Puderzucker und Marmelade und das Zusammensein mit der Familie – nur dass nun ich die Mutter bin und selber eine kleine Tochter habe…

Herr Sichtfeld und ich haben jedenfalls angesichts unserer glücklichen, Waffelherzen mampfenden Tochter diese alte Tradition für sehr schön und gemütlich befunden und uns vorgenommen, sie auch in unserer Familie weiterzupflegen – vielleicht wird sich Sichtfeldchen eines Tages genau so gerne daran zurück erinnern, wie ich mich an diese Sonntagnachmittage meiner Kindheit erinnere. Das ist sowieso mein großer Wunsch: Dass sich meine Kinder später gerne an ihre Kindheit erinnern. Und das winterliche Waffelnbacken wird vielleicht eines von vielen Puzzleteilen dazu sein…


Begegnung

Donnerstag, 8.Januar 2009

Heute Nachmittag waren Sichtfeldchen und ich in der Stadt unterwegs, um ein paar Besorgungen zu machen. Um bei diesen arktischen Temperaturen ein wenig aufzutauen, setzen wir uns in einer Passage auf eine Rundbank und machten ein kleines Picknick. Ich war gerade mit einer anderen Mutter im Gespräch, als ich merkte, dass sich auf der anderen Seite auch jemand neben mich setzen wollte. Eher unbewusst nahm ich meine neben mir stehende Tasche weg, um dem Anderen etwas mehr Platz zu machen. Er bedankte und setzte sich, und ich stellte eher nebenbei fest, dass es ein älterer Herr in einem grünen Lodenmantel war, der an einer Krücke ging. Er saß still da, und ich merkte aus den Augenwinkeln, wie er Augenkontakt zu meiner Tochter aufnahm. Kurz darauf sprach er mich sehr freundlich an und fragte, wie alt denn meine Tochter sei. So kamen wir ins Gespräch.

Zunächst dachte ich, dass sei eben einer dieser älteren Menschen, die das Gespräch mit wildfremden Menschen suchen, weil sie sonst niemanden zum Reden haben. Hm, vermutlich war das sogar der Fall, aber irgendwie war es trotzdem anders. Ich weiß gar nicht recht, wie ich es beschreiben soll. Es war weder unangenehm noch aufdringlich noch irgendwie peinlich. Wir saßen da und unterhielten uns über alles Mögliche. Er erzählte aus seiner Kindheit und davon, dass seine Mutter für ihn und seine Geschwister jeweils bis zum zehnten Lebensjahr ein Tagebuch geführt hatte und dass er als einziger dieses Tagebuch anschließend weitergeführt hatte, weil er es so schön fand. Auf meine indiskrete Frage hin sagte er mir, dass er im Jahre 1930 geboren worden war. Er erzählte von seinem ältesten Bruder, der in Russland im Krieg gefallen war, und dass das im Nachherein vielleicht sogar besser gewesen sei, als in Kriegsgefangenschaft elend zu Grunde zu gehen – nur habe man 1941 noch nicht gedacht, dass diesem Todesfall irgendetwas Positives abzugewinnen gewesen sei. Er erzählte, dass er aus dem heute nicht mehr zu Deutschland gehörenden Osten des Deutschen Reiches stammte, nun aber schon seit 59 Jahren am Rhein lebte. Er erzählte vom Schicksal derer, die damals nicht bereit gewesen waren, ihre Heimat im Osten zu verlassen. Er selber war Physiker und hatte jahrelang an einer namhaften Eliteuni in den USA doziert. Während er mit leuchtenden Augen von diesem Abschnitt seines Lebens erzählte, verfiel er immer wieder für einige Sätze in ein sehr amerikanisches Englisch, so sehr lebte er in dem, worüber er erzählte… Er strahlte dabei so eine Ruhe und Weisheit aus, so eine Weitsicht und Erfahrung, wie sie vielleicht nur das Alter mit sich bringen kann.

Es war wirklich unglaublich – wir saßen da etwa eine halbe Stunde und unterhielten uns, und zum Glück war auch Sichtfeldchen in ihrem Buggy so geduldig, mir diese Unterhaltung zuzugestehen. Doch irgendwann wurde sie unruhig, und ich musste mich schweren Herzens verabschieden. Zum Abschied wünschte er uns alles Gute, und ich sagte ihm von ganzem Herzen, wie schön ich es fand, ihm begegnet zu sein. Noch jetzt bin ich ganz erfüllt von dieser Begegnung.

Es ist merkwürdig – ich weiß nicht einmal genau, woran es gelegen hat, dass dieser Mensch mich so berührt hat. So etwas ist mir noch nicht oft passiert, und ich kann es mir nicht erklären. Doch irgendwie fühlte ich mich nach dieser Unterhaltung so viel besser als vorher, so leicht, so warm im Herzen. Ich kann das gar nicht anders beschreiben, und ich hatte mich vorher nicht schlecht gefühlt oder so – diese Begegnung hat mir einfach gut getan…

Ich bin dann mit Sichtfeldchen in eine Drogerie gegangen und musste anschließend auf dem Weg zum Parkhaus noch einmal an der Bank vorbei, und irgendwie hoffte ein Teil von mir, er würde noch da sitzen. Die Bank wirkte merkwürdig leer ohne ihn. Ich werde nun immer an ihn erinnert sein, wenn ich an dieser Bank vorbeikomme, und ich werde lächeln müssen, so wie ich es jetzt tue, während ich diese Begebenheit niederschreibe. Ich frage mich, wer er wohl war, wie er lebt, was er wohl gerade tut. Und ich frage mich, was da eigentlich mit mir passiert ist. Und ich freue mich darüber und bin dankbar für diese halbe Stunde heute Nachmittag, diese kleine, unscheinbare halbe Stunde, die plötzlich eine so starke Bedeutung bekommen hat…

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. Vielleicht sind es auch alte Herren im grünen Lodenmantel…


Erkenntnis des Tages

Sonntag, 4.Januar 2009

Ich sage immer,

Der Januar ist wie ein einziger langer Montag.

Meistens sage ich das gegen Ende Dezember, weil es mir dann gruselt vor diesem tristen Grau, von der Leere, die der Weihnachtsschmuck hinterlässt, und davor, dass man nun den ganzen Sch… das ganze Jahr wieder vor sich hat.

Und jetzt ist der Januar da und ich stelle fest: Ich bin trotzdem gut drauf! Auch aus einem 31 Tage langen Montag kann man etwas machen! Auch der Januar kann Spaß machen, auch im Januar kann man glücklich sein! Klar, die Tage sind trist und grau, und die soeben abmontierte Weihnachtsdeko hat kahle Stellen hinterlassen – na und? Dann kommt da eben was anderes Buntes hin!

🙂


Was wohl…?! :-)

Mittwoch, 31.Dezember 2008

Hey Ihr Lieben,

ich wünsche Euch allen einen fröhlichen Jahreswechsel und von Herzen alles Liebe und Gute für das Neue Jahr 2009! Ich hoffe, dass Ihr alle schön feiert, wenn auch sicher auf sehr unterschiedliche Art und Weise, und ich wünsche Euch auch einen Moment der Rückbesinnung auf das vergangene Jahr und auf das, was das Neue Jahr für Euch mit sich bringen wird. Möge das vor allem Freude, Glück, Gesundheit, Liebe und viel Grund zum Lachen sein!

Alles Liebe, Eure Mareike


Uffffff…

Sonntag, 14.Dezember 2008

Meine Tochter ist seit einer ganzen  Woche krank. Das ist ihr gutes Recht und sie tut mir fürchterlich leid und überhaupt. Aber ich bin froh, dass sie jetzt im Bett ist! Himmel – Darf man sowas eigentlich sagen, ohne gleich als Rabenmutter abgestempelt zu werden? Ich habe ja immer gleich ein kleines schlechtes Gewissen, aber ich bin jetzt auch einfach erleichtert und fix und fertig und froh, wenn sie schläft. Das Problem ist, dass sie einen richtig dicken Schnupfen und ordentlich Husten hat, was sie gerade in den Leichtschlafphasen abends und am frühen Morgen ständig hustend und weinend aufwachen lässt. Zum Glück hat sie so zwischen 23 Uhr und 6 Uhr eine lange Schlafphase, in der auch ich etwas zur Ruhe komme. Aber dafür, dass man sonst zwischen 19 Uhr und 7.30 Uhr wirklich überhaupt nichts von ihr merkt (ja, ich weiß, ich bin verwöhnt…) ist das eine sehr kurze Ruhephase…

Meine Tochter ist wirklich ein Sonnenscheinchen, und ich würde sie nicht anders haben wollen, als sie ist – sie ist einfach unbeschreiblich wundervoll, und ich liebe sie von ganzem Herzen. Sie hat eigentlich auch fast immer gute Laune und schreit nie – außer wenn sie müde ist. Und das ist nun seit einer Woche permanent der Fall: Ich habe sie noch nie so weinerlich, schlecht gelaunt, unzufrieden und LAUT erlebt… Entsprechend gehen Herr Sichtfeld und ich ein bisschen auf dem Zahnfleisch, zumal die Erkältung Herrn Sichtfeld nun auch noch erwischt hat.Ich habe ja für sowas gar keine Zeit, ich komme ja nichtmal zum Plätzchenbacken…

Wie dem auch sei, jetzt schläft sie erstmal, und ich kann mich dem Berg von Bügelwäsche und unseren Fußböden widmen… *seufz*

Ehrlich gesagt frage ich mich in diesen Tagen nur eines: Wie um alles in der Welt machen das Eltern von Schreibabys? Wie machen die das??? Wenn die Kinder den ganzen Tag, Woche für Woche, Monat für Monat so drauf sind wie Sichtfeldchen zurzeit… Wie macht man das? Wie hält man das aus? Diesen Eltern gebührt heute mein gesamter Respekt und meine ganze Anerkennung für das, was sie leisten! Ich verneige mich vor denen, die es geschafft haben! Und das kommt aus tiefster Seele.


Kühlschrankpoesie – Was du bei mir bewirkst

Donnerstag, 11.Dezember 2008

Dein Lächeln ist

wie Sonnenschein.

Deine Zärtlichkeit geht

durch meine Haut

direkt ins Herz

und immer

wenn du mich küsst

wird es Frühling

im Garten meiner Seele.

– Mareike alias Sicht-Feld –


Welt-AIDS-Tag, Hendrik und ich.

Montag, 1.Dezember 2008

Ich habe Dich kennen gelernt, als wir im Jahr 1997 gemeinsam mithalfen bei der Ausrichtung eines Gottesdienstes zum Welt-Aids-Tag. Ich weiß es noch wie heute: Du standest da vor der Kirche mit einigen anderen, es war dämmrig, und ich kam auf Euch zu. Du drehtest Dich zu mir um, strahltest mich an und sagtest, „Du bist Barbaras Tochter!“ Du kanntest meine Mutter, deren Platz ich in der Vorbereitung einnahm, weil sie spontan verreist war. Ich war total verblüfft über diese einfache und herzliche Begegnung, und das Eis war gebrochen, bevor es überhaupt entstanden war.

Wir wurden Freunde, Du und ich. Haben uns oft getroffen, mal auf einen Kaffee in der Stadt, mal bei einem von uns zu Hause. Haben über Gott und die Welt geredet. Haben zusammen gelacht und geweint, gesprochen und geschwiegen. Ich habe Dir mal eine Schwarzwälder-Kirsch-Torte zum Geburtstag mitgebracht, weißt Du noch? Und Du hast mal auf meinem Anrufbeantworter eine Nachricht auf Platt hinterlassen, über die wir uns beide kringelig gelacht haben. Ja, Dein Lachen und diese Nachricht habe ich noch immer im Ohr, obwohl es zehn Jahre her ist. Die Möwe Jonathan war Dein Lieblingsbuch, und Du liebtest den kleinen Prinzen. Auf dem letzten Foto, das ich von Dir habe, sieht man Dich von hinten, denn Du gehst gerade zur Türe hinaus. Das war das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben.

Du warst HIV positiv. Du hattest Dich infiziert, weil Du bei einem Unfall erste Hilfe geleistet hast und selbst eine kleine Wunde am Finger hattest. Diese Ungerechtigkeit habe ich nie verstanden. Noch heute macht sie mich wütend. Doch über Jahre hinweg hast Du tapfer und gelassen mit Deiner Krankheit gelebt, hast soviel Freude ausgestrahlt und andere damit angesteckt. Du hast Dein Schicksal getragen und dennoch anderen Menschen Trost und Wärme gespendet, Kraft gegeben.

Als ich auszog, weit fort von zu Hause, verloren wir den Kontakt. Es war Januar 1999, und auf meiner Abschiedsfeier entstand das Foto. Hätte ich gewusst, dass es in Wirklichkeit Dein, unser Abschied war…

Im Sommer kam ich nach Hause, hatte gehört, dass Du umgezogen warst, und forschte nach Deiner neuen Bleibe. Und dann erfuhr ich das Furchtbare. Zwei Monate zuvor hattest Du Deinem Leben ein Ende gesetzt. Hast Dich vor einen Zug fallen lassen. Es gab Dich nicht mehr.

Ich war wie gelähmt. Stundenlang lief ich über den Friedhof, bis ich Dein Grab gefunden hatte. Ich hatte Blumen dabei und den kleinen Prinzen. Lange bin ich bei Dir geblieben, habe mit Dir gesprochen und endlich meine Tränen gefunden…

Es folgte eine schlimme Zeit für mich, denn ich war gefangen in meiner Trauer, Hilflosigkeit und Schuldgefühlen, wollte niemandem glauben, der sagte, es war nicht Deine Schuld, Mareike. Doch dann, einige Wochen später, träumte ich von Dir. Du standest vor meiner Haustür, und als ich Dich sah, wurde ich wütend. Laut schluchzend warf ich Dir vor, dass Du einfach so gegangen warst und mich allein gelassen hattest mit all meinen Schuldgefühlen. Du hörtest mich ruhig an und nahmst mich dann in den Arm. Du hast mir über den Kopf gestrichen und mir gesagt, dass alles gut so ist, wie es ist. Dass es so Dein Wunsch gewesen war. Und da endlich, in diesem Traum, konnte ich Dich verstehen und Dich loslassen. Ich weinte noch beim Aufwachen, weil ich Dich einfach schrecklich vermisste, aber gleichzeitig war ich auch ein bisschen getröstet. Ich musste wieder nach Vorne sehen und leben, das hattest Du mir gesagt.

Seitdem bin ich oft an Deinem Grab gewesen. Der kleine Prinz hat noch lange dort gelegen. Und immer wieder bricht auch jetzt noch die Traurigkeit durch, auch wenn Dein Tod mehr als neun Jahre her ist. Ich brauche nur „Tears In Heaven“ von Eric Clapton zu hören, und sofort schnürt sich mir die Kehle zu und die Tränen laufen mir über die Wangen. Doch ich konnte Dich loslassen, konnte Dich gehen lassen. Denn ich weiß, dass Du dennoch immer irgendwie da bist, in meinem Herzen, in meiner Seele, in meinem Leben.

Dir, lieber Hendrik, widme ich dieses Video, denn ich weiß, wie viel Dir dieses Lied bedeutete und dadurch bedeutet es auch mir sehr viel. Ich wünsch Dir von Herzen alles Gute, da, wo Du jetzt bist.

Hendrik.

1972-1999.

Du fehlst mir.